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Wolfgang Sterneck
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GATHERING OF THE TRIBES:

- Wolfgang Sterneck / Gathering of the Tribes
- Wolfgang Sterneck / San Francisco Today
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Wolfgang Sterneck:

THE GATHERING OF THE TRIBES

- Trance and Politics
- Der Krieg gegen Terror, Drogen und Parties
- Social-Worker, DJ-Egos und Zen-Katzen
- Gemeinschaftlich Leben
- Verbindende Rituale
- The Moon Inside


THE GATHERING OF THE TRIBES

 
”Wir brauchen solche Treffen, um das Vertrauen wieder aufzubauen, das uns in der Kindheit genommen wurde...” - Es ist Sobey aus Vancouver, der mit diesen Worten die Atmosphäre des ”Gathering of the Tribes” in Los Angeles zusammenfasst. VertreterInnen von rund 50 Projekten setzen sich dort fünf Tage lang mit Wegen der persönlichen Entwicklung und der gesellschaftlichen Veränderung auseinander.
 
Das Verständnis von Tribe bzw. Stamm ist relativ weit gefächert und bewusst im Vorfeld nicht fest definiert. So erstreckt sich der Begriff auf lokale Projekte genauso wie auf die TeilnehmerInnen alternativer Festivals, auf grenzüberschreitende Aktionsgruppen genauso wie auf kommuneartige Gemeinschaften. Vertreten sind unter anderem Leute vom Rainbow-Gathering, Burning Man und Earthdance, Angehörige der Farm-Kommune und anderer Eco-Village-Projekte, Mitglieder von Reclaim the Streets, Free our Forests, Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, Subversive Sounds, Moontribe, Alice-Project und Dream Theatre.
 
Inhaltlich reicht das Spektrum von Gruppen aus dem radikalen politischen und ökologischen Spektrum über Initiativen, die sich aufklärend gegen die bestehende Drogenpolitik stellen, bis zu Personen die beispielsweise über Trance-Tänze oder meditative Musik zu einer heilenden Veränderung beitragen wollen. Die Vielfalt der verschiedenen Ausrichtungen führt dabei keineswegs zu einer Beliebigkeit, vielmehr befruchten und ergänzen sich die Positionen trotz einzelner Differenzen an vielen Punkten gegenseitig. Das verbindende Element liegt neben der durchgängig idealistischen Ausrichtung zum einem im Bezug zum Dance Movement, also zur Techno-Kultur in unterschiedlichen Ausformungen, sowie im zweifellos oftmals vagen, aber immer ernsthaften Bestreben ”to make the world a better place”.
 
 TRANCE AND POLITICS
 

Den inhaltlichen Teil der Konferenz leite ich mit einem Vortrag ein, der von einem übergreifenden Ansatz ausgeht. ”Viele glauben, dass die Party-Kultur eine Insel sei, doch die meisten vergessen dabei, dass jede Insel von einem Meer umgeben wird...” Es geht mir dabei um eine Auseinandersetzung mit der selbstherrlichen Zufriedenheit in der sich viele aus den verschiedenen Szenen oftmals zurücklehnen, solange sie ”geile Musik, gute Drogen und viel Spaaaß” haben und den eigenen Alltag einigermaßen regeln können. Alles andere scheint egal, doch spätestens wenn der Drogenfahnder vor der Tür steht oder Partys verboten werden wird klar, dass diese scheinbare Insel-Idylle eine Illusion ist. Dann ist es jedoch schon viel zu spät.
 
Prügelnde Polizisten auf politischen Party-Demos machen den symbolhaften Einfluss des Meeres auf die Inseln genauso augenscheinlich deutlich, wie beispielsweise die Ego-Trips von DJs, die sich im Zuge der Kommerzialisierung wie Rockstars verhalten, oder die Parties in ”3. Welt”-Ländern, bei denen die eingeflogenen Party-Freaks vor lauter Verpeilung einfach ignorieren, dass einige Kilometer weiter entfernt Menschen hungern. Die Auflistung lässt sich beliebig fortsetzen, letztlich geht es um die aktive Anerkennung einer Verantwortung, die weit über die Party hinausgeht: ”Manche Leute denken, dass Techno eine Insel sei - und sie öffnen die Augen und sie beginnen zu tanzen, nicht nur auf dem Dancefloor, sondern auch überall in den Straßen, in den Klassenzimmern, in den Büroräumen, in den Supermärkten, auf den Treffen der Weltbanken. Und Tanzen steht dabei für Veränderung, radikale Veränderung...”
 
Beispielhaft für die Ausrichtung des Gatherings bildet der anschließende Beitrag von Cinnamon Twist einen inhaltlichen Gegenpol, der sich mit der Frage ”Kann Trance-Tanz den Planeten retten?” beschäftigt. Im Rahmen seiner Antwort beschreibt Cinnamon eine ”gemeinschaftliche psychedelische Trance als eine direktes Gegengewicht zur zerstörenden Selbstgefälligkeit der westlichen, technisch-industriellen Mega-Maschine, die wahnhaft alles tut, um den Planeten Erde zu zerstören.” Cinnamon bezieht sich dabei auf positive Energien, die durch den Tanz freigesetzt werden. ”Obwohl sie von unterschiedlichen Begriffen ausgehen, glauben viele Stammeskulturen, dass sie mit ihren rituellen Tänzen etwas bewegen können. Sie sind notwendig, um die natürliche Balance aufrecht zu erhalten, um Regen herbeizurufen, um Krankheiten zu heilen, um die Dinge in Bewegung zu halten. Deshalb sind diese Tänze für sie heilige Tänze. Und im Grunde ist nicht nur die Form des Tanzes bzw. das, was die TänzerInnen damit verbinden, heilig. Heilig ist vor allem das, was sie damit erzeugen: eine kollektive Energie.”
 
Diese Energien lassen sich Cinnamons Verständnis zufolge auch in der heutigen Zeit nutzen: ”Zweifellos haben wir keine Tradition derartiger heiliger Tänze mehr. Wir haben keine Tänze, die von einer derartigen Intention oder einem vergleichbaren gemeinschaftlichen Gefühl getragen sind. Was wir haben bzw. wonach wir letztlich streben, ist eine grundlegende Einstellung, die alles durchzieht, wenn wir für unsere Feiern zusammenkommen: Frieden - Liebe - Gemeinschaft - Respekt. Und das ist nicht wenig für einen Anfang, auch wenn es leicht missbraucht werden kann. Es liegt an uns, ob gelingt, kollektive Energien freizusetzen, die zur Heilung der Erde beitragen ...”
 
 DER KRIEG GEGEN TERROR, DROGEN UND PARTYS
 

Mehrere Vorträge und Workshops auf dem Gathering setzen sich mit dem ”War on Drugs” auseinander, der inzwischen auch zu einem Feldzug gegen das Dance-Movement wurde. Der ”Krieg gegen Drogen”, den die us-amerikanische Regierung ganz offiziell unter dieser treffenden wie auch entlarvenden Bezeichnung führt, hat eine lange Geschichte. In den westlichen Kulturen wurden und werden beständig bestimmte Substanzen als Drogen verboten, wobei der Umstand, dass darunter in einigen Regionen zeitweise auch einmal Alkohol, Tabak und Koffein fielen, eine gewisse Beliebigkeit schnell deutlich macht. Die Verbote der Substanzen bzw. die Verfolgung der ProduzentInnen und der KonsumentInnen hängt dabei keineswegs nur mit einer vermeintlichen oder tatsächlichen schädlichen Wirkung zusammen, sondern war schon immer mit wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen verknüpft. Letztlich lenkt die Überbetonung der Drogenproblematik von den eigentlichen inneren gesellschaftlichen Problemen ab, die wechselwirkend wiederum auch entscheidend zum zerstörenden Gebrauch von Drogen beitragen. Sie wird zudem genutzt, um die politische und auch militärische Einflussnahme auf andere Länder, sowie die Repression unangepasster Minderheiten im Innern, zu rechtfertigen.
 
Die Größenordnung des ”War on Drugs” machen einige Statistiken schnell deutlich. Die Vereinigten Staaten haben als vermeintliches Land der Freiheit im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weltweit die höchste Zahl an Gefängnissinsassen, wobei ein Großteil im Zusammenhang mit Drogen verurteilt wurde. So kommt es jährlich zu rund 5 Millionen Verhaftungen auf Grund von Drogendelikten, wobei über 2 Millionen Menschen in Folge wegen Verstößen gegen Drogengesetze verurteilt und inhaftiert werden. Besonders betroffen ist dabei die afroamerikanischen Bevölkerung, was die noch immer in weiten Teilen rassistische Ausrichtung der Rechtsprechung deutlich macht. 1969 flossen von Seiten der damaligen Nixon-Regierung rund 65 Millionen Dollar in den Krieg gegen Drogen, 1999 unter Clinton war es die kaum vorstellbar hohe Summe von 17,7 Milliarden Dollar, die unter Bush weiter gesteigert wurde.
 
Die Terroranschläge des 11. September 2001 werden gezielt genutzt, um den ”War on Terror” mit dem ”War on Drugs” zu verknüpfen. Medienwirksam setzt inzwischen US-Präsident George Bush Drogenkonsum mit einer Unterstützung des Terrors gleich. ”Ich werde ständig von Jugendlichen gefragt, welchen Beitrag sie zum Krieg gegen den Terror leisten können. Nun, wichtig ist, sich gegen illegale Drogen zustellen. Wenn Du in den USA Drogen kaufst, dann ist das so, als würdest Du direkt eine Terror-Organisation unterstützen.”
 
Die entsprechende Politik richtet sich auch direkt gegen das Dance-Movement. So kam es zu einer von Teilen der Medien und einflussreichen PolitikerInnen getragenen Kampagne, die Techno mit Drogenkonsum gleichsetzt. Regierungsbehörden organisierten in diesem Sinne vorgeblich wissenschaftliche Konferenzen bei denen Techno-Partys mit den sogenannten Crack-Houses gleichgesetzt wurden, in denen Crackabhängige bzw. Crack-Dealer leben. Dieser Definition zufolge sind Partys und Raves Veranstaltungen, die vorrangig dazu dienen mit Drogen zu handeln bzw. diese zu konsumieren. Inzwischen wurden in einzelnen Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die VeranstalterInnen für den Konsum von Drogen auf ihren Partys direkt verantwortlich zu machen. Zu Teil macht man sich schon als nichtkonsumierender Party-Gast strafbar, wenn auf der Veranstaltung illegale Drogen gebraucht werden. Auf diesem Wege soll eine auch in den USA stark angewachsene Jugendkultur, die nicht den puritanischen Wertvorstellungen entspricht, unter Kontrolle gebracht werden.
 
Welche bizarren Ausformungen die Drogenhysterie annehmen kann, zeigt ein Prozess, in dem die Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union (ACLU) gegen den Bundesstaat Louisiana klagte. Dieser hatte Rave-VeranstalterInnen angewiesen den Party-Gästen das Tragen von Masken und den Gebrauch von Glühstäben zu untersagen, da diese Utensilien angeblich in einem engen Zusammenhang mit dem Konsum von Ecstasy stehen. Während die meisten VeranstalterInnen den Auflagen nachkamen, formierte sich in der Szene Protest, der in der Forderung ”Fight for right to glow! - We’re gonna glow like we never glowed before!” einen ironischen Ausdruck fand. Der Prozess endete mit einem Erfolg der ACLU, den Bundesbehörden wurde untersagt, ohne rechtliche Grundlage auf lokale Rave-VeranstalterInnen hinsichtlich eines Verbotes von ”dekorativen Utensilien” Druck auszuüben.
 
Die Diskussion über Wege des Protests und Widerstands gegen die repressiven Entwicklungen ist auf dem Gathering allgegenwärtig. So trägt Scott Ehlers von der Campaign for New Drug Policies einen detaillierten Maßnahmenkatalog vor, der dazu beitragen soll, das Image der Techno-Kultur von einer Reduzierung auf Drogen und Kriminalität zu lösen. Das Ziel ist die Vermittlung eines Bildes einer Jugendkultur, die auf Werten wie Gemeinschaft und Gewaltlosigkeit basiert und sich auch über einzelne Projekte für das Wohl der Gesellschaft einsetzt. Das Future-Tribe-Project aus Florida beschreibt seine Kampagne ”I rave and I vote” mit der Jugendliche angeregt werden sollen, sich an den Wahlen zu beteiligen und einen Umschwung zu bewirken. Eine Gegenposition liegt im Ansatz den Underground zu stärken und sich dabei auf Strukturen zu konzentrieren, die von staatlichen Institutionen nicht angegriffen werden können. Ganz praktisch informiert daran anknüpfend ein Anwalt, welche Rechte gegenüber Polizeikontrollen bestehen. Leute vom Rainbow-Gathering berichten zudem über die Möglichkeiten sogenanntes Public-Land zu nutzen, das der Allgemeinheit gehört. Später betonen Mitglieder von DanceSafe und MAPS daneben die Bedeutung einer objektiven Aufklärung über Drogen innerhalb der Techno-Szene und der Notwendigkeit von übergreifenden Forschungsprojekten.
 
 SOZIALARBEITER, DJ-EGOS UND ZEN-KATZEN
 

Mehrfach führen einzelne Diskussionen über die Frage nach der Finanzierung alternativer, sozial ausgerichteter Projekte zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Bereich der Sozialarbeit. Übereinstimmung besteht darin, dass eine Ausweitung sozialer Projekte und die entsprechende Bereitstellung öffentlicher Gelder unbedingt nötig ist. Aufgezeigt wird aber auch immer wieder der innere Konflikt vieler Projekte, die meist hauptsächlich auf Probleme konzentriert sind, diese geradezu suchen bzw. sich darüber rechtfertigen müssen, um von öffentlicher Seite Gelder zu erhalten. Gleichzeitig werden oftmals nur Symptome angegangen, während die eigentlichen Ursachen von Erscheinungen wie Drogenabhängigkeit oder Obdachlosigkeit, die neben individuellen Faktoren zu einem beträchtlichen Teil in einem vor allem auf Profit und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaftssystem liegen, zumeist nicht aufgezeigt werden. Oftmals setzt die Zensurschere schon im Kopf an, um das Projekt bzw. den eigenen Arbeitsplatz nicht zu gefährden.
 
In der Diskussion wird der Realität einer notwendigen, allerdings vorrangig problemorientierten Sozialarbeit das Bild des ”positive space” gegenübergestellt. ”Wenn es im weitesten Sinne Räume gibt, in denen sich die Menschen selbstbestimmt und gemeinschaftlich entfalten können, in denen ihnen beigebracht wird, sich auch einmal selbstkritisch zu reflektieren,”, so Theo in einer Diskussionsrunde, ”dann werden viele Probleme automatisch wegfallen bzw. sie treten überhaupt nicht mehr auf.”
 
Ein weiterer Aspekt, der in vielen Diskussionsrunden immer wieder angesprochen wird, ist die Rolle der DJs. Ausgehend von einer Abkehr vom jeglichem Starkult stand der DJ in seiner Wichtigkeit ursprünglich auf einer Ebene neben den TänzerInnen auf der Dancefloor oder den Leuten aus der Deko-Gruppe. Die Rollen waren sogar austauschbar beziehungsweise sollten bewusst austauschbar sein, denn im Mittelpunkt stand das gemeinsame Feiern als ein Ausdruck eines anderen Lebensweges. Von wenigen Ansätzen abgesehen sind diese Zeiten jedoch auch bei alternativen Partys vorbei. Längst haben die DJs die Rolle eingenommen, die über Jahrzehnte hinweg der Lead-Singer einer Rockband hatte.
 
Für viele Personen außerhalb der Szenen ist nur schwer nachvollziehbar, dass ein DJ selbst zum Musiker werden kann. Er ist dabei nicht nur für die musikalische Atmosphäre einer Nacht verantwortlich. Im Idealfall entsteht aus zwei oder drei Schallplatten, die ineinander gemixt werden, ein neuer Track. Die Samples, Sounds und Loops werden zu DJ-Tools, zu Werkzeugen und Materialien der DJs, die immer wieder in unterschiedlichen Betonungen und Geschwindigkeiten neu zusammengesetzt werden. Dieses Verständnis von Dekonstruktion und Neugestaltung ist jedoch immer seltener anzutreffen, meist begnügen sich die DJs inzwischen auf möglichst fließende Übergänge zwischen den einzelnen Stücken.
 
Mit der steigenden Popularität einzelner DJs ist in vielen Projekten die Frage der Kommerzialisierung und des Selbstverständnisses der DJs verbunden. Nachdem es anfangs noch ein Vergnügen und eine Ehre war auf einer Party aufzulegen, sprechen viele DJs dann bald vom ”Arbeiten” oder oftmals auch mit einer gewissen Überheblichkeit demonstrativ davon, gebucht zu sein. Kritisiert wird vor diesem Hintergrund zudem die scheinbar unkritische Auswahl der Auftrittsorte von Seiten vieler alternativer DJs. Dabei wird jedoch deutlich, dass die DJs keineswegs zwangsläufig ihre ursprünglichen Ideale plötzlich verraten haben und ”kommerziell” geworden sind, vielmehr setzt eine nur schwer steuerbare Eigendynamik ein. Um sich noch mehr auf die Musik konzentrieren zu können, geben viele DJs nach ersten Erfolgen ihre alten Jobs auf, geraten dann aber in eine Abhängigkeit von Auftritten, um ihren Lebensunterhalt bestreitenzu können.
 
Ein anderes Diskussionsthema bildet das ”im Moment sein”. Mishou spricht davon, dass Katzen die wahren buddhistischen Zen-Meister sind, indem sie alles ausblenden können und tatsächlich den Moment leben. Während sie in einer sonnigen Ecke behaglich dösen, leben sie Zen ohne eine Vorstellung davon zu haben. ”Wie oft befinden wir uns dagegen in Situationen, die einfach an uns vorbeirauschen, die im Rückblick wie ein Augenblick erscheinen, weil wir uns nicht bewusst auf sie konzentrieren?”
 
Ein Anhalten im Sinne eines bewusstes Wahrnehmens des Momentes bzw. der entsprechenden Situation wirkt dem entgegen. Ein Ansatz kann bei geschlossenen Augen eine bewusste Konzentration auf die Geräusche sein, die uns umgeben, und davon ausgehend auf das, was gerade passiert. Dies bedeutet keineswegs ein Rückzug in eine esoterische Innerlichkeit, so die durchgängige Einschätzung der Runde. Vielmehr steht es für ein Bewusst-Sein im eigentlichen Sinne des Wortes. Dies bildet den Ausgangspunkt für ein Wahrnehmen von dem was uns umgibt und weitergehend für ein entsprechendes Handeln, nicht zuletzt auch in einem gesellschaftlichen Sinne.
 
 GEMEINSCHAFTLICH LEBEN
 

Der zweite Konferenz-Tag ist der Frage nach den Möglichkeiten gemeinschaftlichen Zusammenlebens gewidmet. An mehreren Punkten tritt dabei die Frage nach dem ”next step”, dem nächsten Schritt, auf. Einige Gruppen, die mit ihren Projekten gewisse Erfolge und eine Kontinuität erreicht haben, berichten von den internen Diskussionen über eine tiefer gehende Weiterführung, die sich stärker auf die Gruppe als Gemeinschaft bezieht. Das Spektrum reicht dabei von Wohngemeinschaften über kommuneartige Projekte bis zu Kulturzentren.
 
Auf großes Interesse stößt das Projekt einer Gruppe aus Vancouver. In den letzten Jahren organisierte dort das Mycorrhiza Collective verschiedene Partys, um mit dem Gewinn ein Landstück in Elaho Valley zu kaufen. Damit soll ein Beitrag zur Rettung des verbliebenen Regenwaldes in Kanada geleistet werden, der weiterhin in weiten Teilen von der Abholzung bedroht ist. Chris Hill von Mycorrhiza erklärt in diesem Zusammenhang die tiefere Bedeutung des Projekt-Namens: ”In den Regenwäldern leben die Bäume in einer symbioten Assoziation mit einer Vielzahl von Bodenpilzen zusammen, die als Mykorrhiza bezeichnet wird. Die Pilze umgeben die Wurzeln der Bäume, sie leben von ihnen und schützen sie gleichzeitig. Dieses Symbolik übertragen wir auf unsere Aktivitäten: Wir wollen ein energetisches Netzwerk im Untergrund aufbauen, das den Wald als Teil eines globalen natürlichen Organismuses stärkt.”
 
Das Gelände soll zur Basis eines Gemeinschaftsprojektes werden: ”Wir sind gerade dabei ein Camp in Elaho Valley aufzubauen. Es soll zum einen dazu dienen, die Aufmerksamkeit auf die Zerstörung dieses so wichtigen Regenwaldes und die Folgen zu richten. Zum anderen wollen wir von diesem Camp ausgehend ein Öko-Dorf errichten, das langfristig unabhängig bestehen kann und sich über Anbau von Nahrungsmitteln und eine eigene Energieversorgung selbst trägt. Langfristig setzen wir dabei auf Hanf als Rohstoff. Das Camp soll zu einer Anlaufstelle für Menschen werden, die von ähnlichen Ideen geleitet werden und mit uns dieses Projekt als eine Gemeinschaft in Einklang mit der Natur aufbauen wollen. Wir haben damit begonnen, weltweite Kontakte zu Personen und Organisationen zu knüpfen, um aus ihren Erfahrungen zu lernen und mit ihnen zusammenzusarbeiten. Gleichzeitig wollen wir im Sommer eine Reihe von Veranstaltungen und Festivals durchführen. Im Anschluss werden wir als eine Art internationale Karawane, zu der alle Interessierten eingeladen sind, die Pazifik-Küste bis nach Südamerika hinunterziehen, um unsere Ideen weiterzutragen und mit den Menschen gemeinsam zu feiern.”
 
Im Anschluss spricht Sean Siple über die Erfahrungen der Farm, einer Großkommune in Tennessee, der rund 200 Personen angehören. Im Sinne eines Öko-Dorfes basiert sie auf ökologischen und basisdemokratischen bzw. gemeinschaftlichen Prinzipien. Die Farm wurde 1971 im Anschluss an die Hippie-Ära gegründet, zu einem Zeitpunkt als ebenfalls die Frage nach dem nächsten Schritt gestellt wurde und teilweise mit dem Aufbau von kommuneartigen Gemeinschaften beantwortet wurde. Die meisten dieser Projekte scheiterten schon nach wenigen Jahren am Druck durch die umgebende Gesellschaft, sowie an ungelösten inneren Widersprüchen und zwischenmenschlichen Problemen. Klar wurde dabei immer wieder, dass es nicht ausreicht sich in eine vermeintliche Idylle zurückzuziehen.
 
Notwendig ist dagegen ein Verständnis, das die Wechselbeziehungen zwischen der äußeren Gesellschaft und dem Leben in dem entsprechenden Projekt ausreichend berücksichtigt. Ebenso bedeutsam ist zudem eine ständige Auseinandersetzung mit den Prozessen innerhalb des Projektes bzw. mit der eigenen Persönlichkeit, so kräftezerrend es vordergründig sie auch sein mag. Denn genausowenig wie man zu einem völlig anderen Menschen wird, wenn man auf eine idealistische Party geht, auch wenn vielleicht viele Alltagsbelastungen zurücklassen werden, so wenig wandelt sich eine Person von einem auf den anderen Tag, wenn sie sich einer Kommune anschließt. Das Überwinden von überzogenen egozentrischen Verhaltensstrukturen ist ein ebenso notwendiger, aber auch langer Prozess wie die Auseinandersetzung mit dem Konkurrenzdenken oder sexistischen Einstellungen. Aufbrechen lassen sich diese Strukturen nur, wenn sie ständig hinterfragt und angegangen werden, so beispielsweise in angeleiteten Gesprächsrunden in denen offen über die Entwicklungen der Gruppe bzw. der einzelnen Personen gesprochen wird.
 
Sean beschreibt die Bedeutung derartiger Prozesse am Beispiel eines Problems innerhalb der Farm, das diese fast zum Scheitern gebracht hätte. Der Gründer der Kommune nahm lange hinweg eine besondere Stellung innerhalb des Projektes ein, die allgemein respektiert wurde. Nach einigen Jahren verselbstständigte sich jedoch diese Position, aus dem Bezug auf eine charismatische Leitfigur war eine hierarchische Struktur geworden, die dem eigentlichen basisdemokratischen Anspruch völlig entgegenstand. Nur im Rahmen eines längeren, zähen Prozesses konnte dieser Zustand inzwischen zugunsten einer Verteilung von Verantwortung überwunden werden.
 
Der zweite Teil der Ansprache von Sean ist von einem Appell an die TeilnehmerInnen des Gatherings geprägt, sich ihrer Verantwortung für die Zukunft des Planeten Erde bewusst zu sein und diese auch weitergehend auszufüllen: ”Ihr habt eine Aufgabe, eine Mission. Vielleicht seid ihr die letzte Generation, die noch etwas verändern kann, danach mag es schon zu spät sein, um die ökologische Katastrophe aufzuhalten. Ich habe hier auf dem Gathering von beeindruckenden Projekten gehört, habe mit wunderbaren Menschen gesprochen. Verbreitet Eure Ideen weiter, lebt sie, teilt Eure Erfahrungen, tragt Eure Liebe weiter, liebt... Es liegt an Euch, doch ich spreche nicht von Euren Recht oder von einer Verpflichtung, es ist Eure Entscheidung, die ihr treffen müsst!”
 
VERBINDENDE RITUALE
 

Mehrere gruppendynamische Workshops auf dem Gathering haben zum Ziel ganz praktisch zwischenmenschliche Barrieren abzubauen und Prozesse innerhalb von Gruppen deutlich zum machen. So laufen bei einer Übung alle Anwesenden, zu diesem Zeitpunkt etwa hundert Personen, in Kreis. Nach einem Stop-Zeichen soll jede Person anhalten und der Person, die ihr am nächsten steht in die Augen schauen, und sich zum einen ihre positiven Energien, sowie im Anschluss bei anderen Person deren Ängste und Aggressionen vorstellen. Deutlich wird dabei insbesondere wie schwer es fällt einer andern Person in die Augen zu schauen, nicht wenige schließen zeitweise die Augen oder beginnen nervös zu reagieren. In einigen Fällen entsteht jedoch durch den so tiefen Blickkontakt und die gegenseitige Bereitschaft sich emotional auf den andere Person einzulassen eine zuvor völlig unerwartete gefühlsmäßige Verbindung.
 
Der dritte Tag der Konferenz wird von einem Ritual eingeleitet. In der zuvor meist hell erleuchteten Konferenz-Halle flackert nur eine lange Reihe von Teelichtern. Alle Eintretenden müssen ihre Schuhe ausziehen und die Gespräche beenden. Dann werden die Anweisungen für das Ritual schriftlich zusammengefasst verteilt. Zuerst sind darin verschiedene Meditationsübungen beschrieben, später soll sich jede Person auf einen tiefen Wunsch konzentrieren und ihn visualisieren. Die Stärke dieses Rituals liegt in dem atmosphärischen Bruch zu den aufwühlenden und eher nach außen gerichteten Tagen zuvor. Unmittelbar entsteht ein Gefühl innerer und äußerer Ruhe. Insbesondere durch die Meditationen wird es nocheinmal verstärkt möglich sich auf sich selbst zu konzentrieren. Eine anschließende Chakra-Meditation greift diese Atmosphäre auf und ermöglicht ein weiteres Hineingleiten in den eigenen Körper. Inwieweit sich die Teilnehmenden auf diese Übungen und die spirituellen Hintergründe einlassen, bleibt jeder und jedem selbst überlassen. Wesentlich für die Einzelnen wie auch für das Gathering als Ganzes sind vielmehr die Energien, die konzentriert bzw. freigesetzt werden.
 
Einen Höhepunkt des Gatherings bildet dann der Ecstatic-Dance-Workshop, der von Techno-Rhythmen untermalt wird. Die Anweisungen der Workshop-Leiterin hinsichtlich bestimmter Bewegungen und Körperhaltungen werden jedoch von den meisten nur Anfangs befolgt. Schon nach kurzer Zeit tanzen die rund 50 TeilnehmerInnen wild durch den Raum, durcheinander springend, hüpfend, teilweise schreiend. Es entwickelt sich eine Atmosphäre in der alle genau so tanzen können, wie sie es gerade wollen, ohne dass sie deshalb jemand kopfschüttelnd anschaut. Im Gegenteil, wer sich fallen lassen will, kann dies tun, im sicheren Gefühl von der Gruppe aufgefangen zu werden. Es ist in diesen Momenten regelrecht spürbar wie innere Blockaden und angestaute Energien zumindest für die Zeit des Tanzes aufgebrochen werden. Am Ende bilden die Beteiligten mit ihren Körpern ein kreisartiges Gebilde. Alle drücken sich aneinander, summen, rufen, schreien ekstatisch, die meisten ausgefüllt von einem Gefühl des Glücks.
 
Gerade die Verbindung von theoretischen Informationen, leidenschaftlichen Diskussionen und auch körperlich-emotionaler Nähe macht die Stärke des Gatherings aus. Von Anfang an prägt eine Atmosphäre der Offenheit in der es problemlos möglich ist, eine Person anzusprechen und mit ihr über Ideale und Ideen wie auch über persönliche Erfahrungen zu sprechen. Zudem vermittelt die Vielfalt der Tribes und ihrer zum Teil wegweisenden Projekte ein Gefühl der Hoffnung in einer ansonsten in Anbetracht der sozialen und ökologischen Entwicklungen meist äußerst deprimierenden Welt. Nicht zuletzt entwickelt sich insbesondere über die gruppendynamischen Übungen und die Rituale eine gefühlsmäßige Nähe, die ansonsten im Alltag kaum einmal erfahren werden kann. Zum Teil geht diese Nähe so tief, dass einzelne Personen anfangen zu weinen oder sich zeitweise zurückziehen, da sie diese Intensität nicht ertragen konnten. So nehmen die TeilnehmerInnen über die inhaltliche Ebene hinaus vor allem ein Grundgefühl der Möglichkeit und der Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung mit nach Hause.
 
THE MOON INSIDE
 
Den Abschluss des Gatherings bildet eine Open-Air-Party, die im wesentlichen von Mitgliedern des Moontribes organisiert wird. Die 1993 gegründete Gruppe genießt inzwischen in der Dance-Community weiter Teile der Vereinigten Staaten geradezu Kultstatus. Bekannt wurde der Moontribe durch seine Full-Moon-Partys in der Wüste der weiteren Umgebung von Los Angeles. Die auf Non-Profit-Basis durchgeführten Partys verzichten meist bewusst auf Werbung, wie auch auf Verkaufsstände aller Art, Dekoration und Beleuchtung. ”Der Mond und die Sterne sind unsere Lightshow” führt Dallas dazu aus, um dann auf das Selbstverständnis Moontribes einzugehen. ”Es gehört zu unseren wichtigsten Zielen unsere Integrität zu wahren und uns kommerziellen Bestrebungen zu verschließen. Wenn Du an einer unserer Partys teilnimmst, wirst Du selbst zu einem Teil des Moontribes, Du hast genauso Verantwortung für den Ablauf der Party, bist genauso verantwortlich für deren Atmosphäre, wie alle anderen.”
 
Innerhalb des eigentlichen Tribes sind Hierarchien auf ein pragmatisches Minimum reduziert. Die wesentlichen Entscheidungen werden von Konsensprinzip ausgehend gemeinsam getroffen. Den Kern bildet das Council, dem meist 13 Personen angehören, um dieses herum hat sich das sogenannte Collective gebildet, das aus Leuten besteht, die sich in irgendeiner Weise einbringen, aber nicht zum Kern gehören wollen. Die Moontribe-Community wird wiederum von denjenigen gebildet, die zu den Full-Moon-Partys kommen.
 
Die Party-Nacht an sich verläuft in Anbetracht der hohen Erwartungen jedoch lange eher enttäuschend. Rund drei Stunden dauert es, bis man von Los Angeles aus endlich den angestrebten Platz in der Wüste gefunden hat, da die erst am Abend verteilte Wegbeschreibung einige kleine, aber folgenschwere Unklarheiten aufweist. Dort erweist sich die steppenartige Hügellandschaft mit ihrem eisigen Wind sofort als äußerst unwirtlich. Vom Parkplatz aus ist dann noch einmal ein längerer Fußmarsch nötig, um dann endlich ein überdachtes DJ-Pult zu erreichen. Die unverständliche Reduzierung auf nur zwei Boxentürme verhindert die für das Tanzen so wichtige umschließende Beschallung, so dass sich die meisten direkt von dem DJ zwischen den Boxen eher frierend als tanzend drängelten. Es ist einer dieser Momente, in denen man sich zweifelnd fragt ”Was mache ich hier eigentlich?”.
 
Am Morgen wandelt sich jedoch die Atmosphäre schlagartig. Mit der Temperatur ändert sich auch die Stimmung und es wird endlich möglich, ein Gefühl für den Raum zu erhalten. Im Laufe des Tages wird dann auch verständlich, dass die Reduzierung einen wesentlichen Teil des so eigenen Charakter der Moontribe-Partys ausmacht. Wüste, Musik bzw. Tanz und Gemeinschaft sind dabei die zentralen Faktoren und nicht etwa ein bekannter DJ oder eine überfrachtete Dekoration. Insbesondere die Kargheit der Landschaft und die aufsteigende Sonne können dabei ein Gefühl der inneren Klarheit erzeugen.
 
Die Musik wird von den DJs der am Gathering beteiligten Projekte bestimmt und umfasst ein entsprechend weites Spektrum elektronischer Musik. Daneben entstehen an verschiedenen Stellen immer wieder Trommelsessions, teilweise die Musik auf der Tanzfläche begleitend, dann in einem angemessenen Abstand einen eigenen Rhythmus findend. Es ist charakteristisch, dass sich einige TänzerInnen völlig ausziehen, ohne dass ihnen in ihrer Nacktheit jemand eine übertriebene Aufmerksamkeit schenkt. Es ist ein genauso selbstverständlicher Teil der Party, dass sich auf dem Dancefloor immer wieder Tanzende an den Händen nehmen und einen Kreis bilden, der sich an einer Stelle öffnet, um spiralförmig ineinander zu gehen und sich danach wieder aufzulösen. Derartige Elemente sind Ausdruck eines Gefühls der Offenheit und der Gemeinschaftlichkeit, das ansonsten in der Party-Szene trotz aller Beschwörungen von ”Love and Unity” nur selten zu finden ist. Den Ausklang bilden am späten Nachmittag Golden Buddha, eine psychedelische Rockband, deren scheinbar endlose Improvisationen sich irgendwann im Nichts auflösen und die letzten Anwesenden noch einmal auf eine ganz eigene Reise nehmen.
 
Schnell deutlich wird für mich jedoch auch, dass bestimmte Rollen und Verhaltensklischees, die ich von vielen Partys in Deutschland und anderen Ländern kenne, auch hier zu finden sind. Eine geradezu globale Erscheinung ist der Freak, der in Gesprächen und in seinem Outfit seinen vorgeblich so tiefen Bezug zu Goa unablässig zur Schau stellt und sich am liebsten mit ”wichtigen” Leuten für alle sichtbar direkt beim DJ unterhält. Ebenso bekannt ist die housige Frau, die so gerne eine Diva wäre, sich in dem Glauben gefällt, sie würde über allem stehen und doch völlig in ihren Eitelkeiten und Unsicherheiten verfangen ist. Dies betrachtend unterhalte ich mich mit Tibo über die Frage inwieweit wir beide selbst Rollen spielen, wo die Grenzen zwischen Authentizität und Übernahme liegen. Ohne diese Fragen abschließend zu beantworten, wenn dies überhaupt möglich ist, lassen wir uns nach einigen Stücken wieder in die Musik fallen.
 
Zur Mittagszeit erklimme ich dann einen der ”Hills”. Zusammen mit Susie verweile ich dort, betrachte aus der Ferne die Tanzfläche. Wir lassen unsere Gedanken in der Weite dieser beeindruckenden Landschaft schweifen bis sie sich wieder finden. Ich spüre bald, dass ich weitergehen muss, allein weiter hinauf klettern muss. Ein Plateau nach dem anderen lasse ich hinter mir, bis ich irgendwann an einen Platz gelange, an dem ich keinen Menschen mehr sehe, keinen Sound mehr höre. Ich genieße diese Atmosphäre, diese Energie. Schließe die Augen. Und beginne zu hören. Bewusst zu hören. Das Summen vorbeischwirrender Insekten, das Rauschen des Windes, den Klang der Wüste. Langsam steigen Gefühle auf, Befürchtungen und Hoffnungen verdichten sich, werden zu Bildern von dem was möglich ist, auch wenn es oft so unerreichbar scheint. Traumhafte, unwirkliche, reale Bilder ausgefüllt von den Energien des Gatherings. Die Sterne sind erreichbar, aber nur wenn wir es wirklich wollen...
 
 
Wolfgang Sterneck
w.sterneck@sterneck.net - www.sterneck.net

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Wolfgang Sterneck:

SOUNDS OF SAN FRANCISCO

- Das Erbe der Hippies
- Offene Sessions als Lebensprinzip
- Goa in San Francisco
- Auf der Straße
- Party, Kultur und Widerstand


SOUNDS OF SAN FRANCISCO
 
Zwischen Hippie-Kommerz, Goa-Spirits und revolutionären Party-Demos - Eine Reise durch das San Francisco der Gegenwart ...
 
 DAS ERBE DER HIPPIES
 

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurde San Francisco zur Hauptstadt der Flower-Power-Bewegung. Zigtausende Hippies aus der ganzen Welt kamen zusammen, um in Haight-Ashbury den ”Summer of Love” zu feiern. Verbindend war die Abkehr von den Werten der bürgerlichen Gesellschaft, die im Vietnam-Krieg ihr blutverschmiertes Gesicht zeigte. Die Vision der Hippies machte dagegen die freie Liebe zur wichtigsten Kraft, die aufkommende Rock-Musik wurde zum wegweisenden Bezugspunkt und psychedelische Substanzen dienten zur Veränderung des Bewusstseins. Die farbenfrohen Beschwörungen einer besseren Welt nahmen jedoch nur kurzzeitig Gestalt an, bald verfing sich die Hippie-Kultur in inneren Widersprüchen. Zudem gelang es Ronald Reagan, dem damaligen Gouverneur Kaliforniens, und dem CIA zunehmend die Bewegung über repressive Massnahmen zu schwächen. Im Grunde wurzelte das Scheitern der Hippie-Kultur jedoch in einem wesentlichen Teil in der verschlingenden Dynamik eines Gesellschaftssystems, das selbst seine Antithese integriert und zu Geld macht.
 
Bis heute lebt Haight-Ashbury als Stadtteil noch immer vom Mythos der Hippie-Bewegung. Vom ursprünglichen Spirit ist kaum noch etwas zu spüren, wie sollte es über dreißig Jahre später auch anders sein. Ein Hippie-Shop reiht sich an den nächsten: Eine endlose Ansammlung von T-Shirts, Postern, Tassen und anderen Souvenirs mit Motiven der Ikonen Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jerry Garcia. Blumen schmücken noch immer die zentrale Haight-Street, doch längst sind sie mit einem meist völlig überteuerten Preisschild versehen.
 
Inzwischen sind jedoch nicht nur die scheinbar ewig jungen Rock-Klassiker der späten Sechziger in den Shops zu hören. Seit einiger Zeit nehmen die zeitgemäßen Beats des Psychedelic Trance einen nahezu gleichberechtigten Platz ein. Die Freaks aus der Goa-Szene haben längst das Erbe der Hippies angetreten. Viele Parallelen sind offensichtlich, so ist beispielsweise der Bezug zur indischen Mystik genauso verbreitet wie der Gebrauch psychoaktiver Substanzen und auch die farbenfrohe Kleidung orientiert sich eindeutig am Outfit der Hippies. Vor allem ist es jedoch zumeist die Sehnsucht nach Freiheit und Ungebundenheit, nach innerer Entfaltung und Entwicklung, die den eingeschlagenen Weg bestimmt. Charakteristisch ist für beide Kulturen jedoch auch ein oftmals naives bis ignorantes Verhältnis gegenüber den Möglichkeiten und den Notwendigkeiten politischen Engagements.
 
 OFFENE SESSIONS ALS LEBENSPRINZIP
 

Aus der scheinbar endlosen Kette der Tourist-Shops der Haight-Street fällt der Bound Together Bookstore heraus. Dort reihen sich die Klassiker der linken Bewegungen aneinander, von Marx und Bakunin über die Vertretern der kritischen Theorie bis zu den WortführerInnen der Antiglobalisierungsbewegung. Daneben stehen verschiedene Underground-Zeitschriften oder auch Benefit-CDs für den aus politischen Gründen in Philadelphia zum Tode verurteilten afroamerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamal. Im Gegensatz zu vergleichbaren Projekten in Deutschland lassen sich aber auch erotische Fotobände aus der Fetisch-Szene oder psychedelische Erfahrungsberichte finden. ”Alle Mitarbeiter des Buchladens verzichten auf einen Lohn, die Gewinne fließen an linke Projekten” erzählt mir Monica und fügt mit einem leicht zweifelnden und gleichzeitig hoffnungsvollen Lächeln hinzu: ”Vielleicht reicht es sogar irgendwann einmal für den Aufbau eines Zentrums.”
 
Im Golden Gate Park finde ich dann doch noch den Geist der Hippie-Bewegung, der sich im Grund jedoch losgelöst von der Kultur der späten Sechziger als eine Art ”Open Spirit” bezeichnen lässt, welcher sich durch so viele gegenkulturellen Bewegungen zieht. An einem kleinem Hügel hat sich eine Gruppe von TrommlerInnen zusammengefunden, unterstützt von einem Klarinettisten und einem Trompeter. Eine offene Session, der sich jede und jeder anschließen kann, unabhängig von Alter, Hautfarbe und Herkunft. Und so ist es ein ständiges kommen und gehen, meist sind es rund fünfzehn TrommlerInnen, die improvisierend miteinander spielen, dabei gleichberechtigt aufeinander eingehen und so den Traum einer gemeinschaftlichen Gesellschaft auf dieser Ebene für einige Stunden zur Wirklichkeit machen.
 
Während ich auf der Wiese liege, ziehen einige Seifenblasen an mir vorbei, der Geruch von Räucherstäbchen und Grass liegt in der Luft. Ein Skateborder hat sich in die Mitte der TrommlerInnen gelegt, um sich völlig vom Sound umhüllen zu lassen, während einige junge, etwas klischeehaft hippieartig gekleidete Frauen ausgelassen tanzen. Es macht den Flair von San Francisco mit aus, dass sich auch fünfzig- und sechzigjährige ganz selbstverständlich der Musik hingeben, ohne mit einem Kopfschütteln bedacht zu werden. Gleich neben mir breitet eine Familie ein Picknick aus, daneben spielen einige Freaks Frisbee, andere jonglieren oder genießen einfach den warmen Nachmittag.
 
Doch auch an diesem idyllischen Sonnentag in Haight-Ashbury wird am Straßenrand die Kehrseite des vermeintlichen Traumlandes Amerika mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten deutlich. Da streicht eine verwirrte ältere Frau ununterbrochen über eine Barbie-Puppe und spricht von deren Schönheit. Gleich daneben bitten die beiden Punx auf einem handgeschriebenen Schild mit etwas Selbstironie um Spenden für ihre Alkohol-Studien. Nicht minder bezeichnend ist der Alt-Hippie, der unverständliches Zeug vor sich hin murmelt, während er eine Mülltonne nach etwas Essbaren durchwühlt.
 
 GOA IN SAN FRANCISCO
 

Im SoMa-District San Franciscos, einem ansatzweise alternativen, im Gesamteindruck aber eher heruntergekommenen Stadtteil, befindet sich in einem Warehouse das Consortium of Collective Consciousness (CCC). Getragen von einer Grundhaltung, die Spiritualität und Party miteinander verbindet, verkörpert es wie kaum ein anderer Ort als Kultur- bzw. Wohnzentrum die Goa-Szene. ”Es begann vor einigen Jahren als wir völlig verändert von den Trance-Partys in indischen Goa zurückkamen. Wir versuchten die psychedelischen Energien dieser Erlebnisse aufzugreifen und weiter zu tragen. Wir kamen zusammen, mieteten ein altes Warehouse und organisierten die ersten Partys. Im Mai ’95 nahm dann der legendäre DJ Goa Gil unsere Spirits mit auf eine Reise, auf der wir uns bis zum heutigen Tag befinden.” erzählt Santosh, einer der Gründer des CCC.
 
Zur Zeit wohnen acht Leute im CCC, zumeist in schön gestalteten, aber äußerst kleinen, fensterlosen Zimmern, die kaum mehr beinhalten als ein Bett und einige Kisten. Treffpunkt ist die gemeinschaftlich genutzte Küche, das Herz des Zentrums bildet eine Halle, die als Partyraum genutzt wird. Auf dem mit Tüchern abgehängten Dach eines kleinen DJ-Raumes innerhalb der Halle wohnt Aaron, dessen persönlicher Besitz aus nicht viel mehr als einem Schlafsack, einigen Kleidungsstücken und einem Laptop besteht, auf dem er unablässig neue Stücke kreiert. ”We are so much into music, nothing else matters” führt er in einer selbstverständlichen Beiläufigkeit aus. Entsprechend läuft im Grunde rund um die Uhr im ganzen Haus Psychedelic-Trance in allen Variationen. Einige Hausbewohner sind am Mixen, in einem anderen studioartigen Zimmer, das ebenfalls gleichzeitig als Schlafraum genutzt wird, entsteht am Computer ein neuer Track und in der Küche läuft eine Promo-CD.
 
Das ganze Zentrum ist im Innern farbenfroh gestaltet. Überall hängen großteils selbstgemalte, großformatige Gemälde. Neben psychedelischen und fantasyartigen Motiven sind es vor allem spirituelle indische Motive. Da lächelt von einem Poster Krishna, an einem altarartigen Platz befindet sich eine kitschig mit blumigen Schmetterlingen behängte Buddha-Statur und Shiva ist neben zig anderen hinduistischen Gottheiten allgegenwärtig. Tatsächlich scheint sich jedoch fernab der Klischees vom spirituellen Indien kaum jemand für die religiösen Hintergründe zu interessieren.
 
In einer Diskussion mit einigen BewohnerInnen des CCC geht es um die Bedeutung organisierter Religion, um die Strukturen der Kirchen und anderer religiöser Organisationen, die, so die die durchgängige Überzeugung, den Zugang zur eigentlichen Persönlichkeit, deren Energien und Potentialen verhindern. Der Veränderungsweg den Santosh aufzeigt, beginnt bei der einzelnen Person, beim individuell ausgeprägten ”inneren Frieden”, gefolgt vom Frieden in der Familie und in der Gemeinschaft, um dann irgendwann bei der Gesellschaft und anschließend beim Weltfrieden anzugelangen. Es ist der vielbeschworene Weg der ”inneren Evolution”, der jedoch im Hier und Jetzt oftmals gegenüber den bestehenden umgebenden gesellschaftlichen Missständen die Augen verschließt. Bevor wir ausführlicher diesen Punkt diskutieren können, geht es schon wieder voller Selbstüberzeugung um die CCC-Party auf dem legendären Burning-Man-Festival, die dort alle anderen Events in den Schatten stellen soll. Ein charakteristischer Ablauf, denn im Grunde drehen sich alle Gespräche unabhängig von der anfänglichen Thematik nach kurzer Zeit im wesentlichen um drei Themen, um Musik bzw. Partys, um Drogen und um Spirituelles, wobei im Zentrum der Ausführungen fast immer das eigene Ich und die eigenen Leistungen stehen.
 
Letztlich ist das CCC ein Paradebeispiel für das sinnbildliche Verständnis der ”Dance-Community” als eine isolierte Insel, wobei ignoriert wird, dass jede Insel von einem Meer umgeben wird. Wie stark jedoch auch das CCC von den äußeren Einflüssen geprägt wird, unterstreicht nachdrücklich die extreme Erhöhung der Miete, die inzwischen vom CCC nicht mehr getragen werden kann. Im Zuge der Entwicklungen um die dot.com-Industrie drängen immer mehr Internet-Firmen in den als Künstlerviertel bekannten Stadtteil. Zwangsläufig steigen die Mieten, die ursprünglich ansässige Bevölkerung wird so vertrieben und der Stadtteil im Verlauf weniger Jahre komplett umstrukturiert. So steht trotz aller spirituellen Symbole der Auszug des CCC in absehbarer Zeit bevor und ein erschwingliches Ersatzgebäude ist noch nicht in Sicht.
 
 AUF DER STRASSE
 

Als ich durch den Mission-District ziehe, zeigt sich schnell ein Gesicht San Franciscos, das in keinem Reiseführer zu finden ist. Große Teile der Stadt sind von schmucklosen Häusern, Lagerhallen und grauen Bürobauten bestimmt. Auffallend ist insbesondere die hohe Zahl der Homeless People, der Obdachlosen, die ihren verbliebenen Besitz in Einkaufswagen durch die Straßen schieben. Einige wenige leben in Zelten, die meisten in selbstgebauten Unterkünften aus Pappkisten, Blech und Stoffresten oder sie schlafen direkt auf dem Bürgersteig, umgeben von Autolärm und Abgasen. Vor vielen Geschäften befinden sich Schilder mit der Aufschrift ”No Trespassing” (”Verweilen verboten”), die sich speziell an Obdachlose richten. Teilweise sind sogar die Mülltonnen mit Gittern verriegelt um ein Durchwühlen zu verhindern. Dennoch sieht man an fast jeder Straßenecke Menschen, die den Müll der Wohlstandsgesellschaft auf der Suche nach etwas Essenbaren durchwühlen. Ein Bild, das längst einen selbstverständlichen Teil des Alltags US-amerikanischer Großstädte bildet.
 
Direkt an der Market-Street, einer der zentralen Straßen San Franciscos, verteilen ehrenamtliche Mitglieder von Food Not Bombs an Bedürftige kostenlos vegetarische Nahrungsmittel und Getränke, die von Großküchen und einigen Geschäften aus Restbeständen zur Verfügung gestellt werden. Der Platz und die Uhrzeit sind bekannt und schon bald bildet sich eine lange Schlange. Im Gegensatz zu vielen anderen karitativen Organisationen in Deutschland stellt Food not Bombs die Aktivitäten ausdrücklich in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang: Zielsetzung ist nicht nur die Minderung von Elend und Not, sondern auch das Aufzeigen der eigentlichen, systembedingten Ursachen. So verurteilt Food not Bombs auch immer wieder scharf die polizeiliche Willkür gegenüber Obdachlosen. Entsprechend angespannt ist das Verhältnis gegenüber staatlichen Stellen. In San Francisco wurden Food-not-Bombs-AktivistInnen mehrfach inhaftiert, weil gegen das Vorgehen spezieller Anti-Homeless-Einheiten der Polizei eintraten. In einigen anderen Städten wurde den lokalen Gruppen das Verteilen von Nahrungsmitteln untersagt.
 
Viele der Homeless People leiden unter psychischen Problemen, die nicht nur in ihrem elenden Dasein auf der Straße wurzeln. In den späten sechziger Jahren wurden unter der Regierung des damaligen kalifornischen Gouverneurs Roland Reagan die staatlichen psychiatrischen Einrichtungen aufgelöst. Offiziell sollten die Betroffenen in die Gesellschaft reintegriert werden und dabei von sozialen Projekten in Wohnortnähe begleitet werden, die jedoch in der Regel völlig überfordert waren. Tatsächlich sollte die Auflösung der Psychiatrien den Staatshaushalt entlasten und die Hippie-Bewegung durch die Konfrontation mit psychisch kranken Menschen schwächen, die gezielt die Nähe zur vergleichsweise toleranten Flower-Power-Kultur suchten.
 
Neben einer Bushaltestelle liegt ein Obdachloser auf einer Decke direkt auf dem Bürgersteig. Er starrt vor sich hin, scheint sich nicht um die Menschenmassen zu kümmern, die an ihm vorbei ziehen. Seit zwölf, fünfzehn Jahren lebt er nun auf der Straße, erzählt er mir. Seit wann genau, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Zuerst hat er die Arbeit, dann die Wohnung verloren, danach gab es kein zurück mehr. Ob er noch Hoffnung habe, frage ich ihn. Seine Antwort lautet schlicht ”Hope for what?”.
 
 PARTY, KULTUR UND WIDERSTAND
 
Im SoMa-Café treffe ich mich mit Christopher Anderson, dem Regisseur von ”An Act of Sabotage”. Ein beeindruckender halb-dokumentarischer Spielfilm, der auf seine ganz eigene Weise um die Pole Musik und Gemeinschaft, Liebe und Militanz, Bewusstsein und Widerstand kreist. Nach der Aufführung auf verschiedenen Festivals hat der Film trotz seiner subversiven Message sogar seinen Weg in das Spätprogramm des ZDF gefunden. Christophers Gedanken beschäftigen sich an diesem Nachmittag mit der ”geistigen Vergiftung der Menschen durch die Medien” und ”die berechnende Ignoranz der herrschenden PolitikerInnen”. Vor diesem Hintergrund bezieht er sich aber auch auf den Widerstand gegen die bestehenden Machtstrukturen und die Gesetzmäßigkeiten mit der sich Menschen gegen Unterdrückung und Ausbeutung wehren. Sei es nun bei einem Einbruch eines Obdachlosen in einen Supermarkt oder im Rahmen des Widerstands gegen die Globalisierung in Seatle.
 
Später sprechen wir über sein Selbstverständnis als Filmemacher und über die Idee des Cybertribes, der überliefertes Wissen mit den Entwicklungen der Gegenwart verknüpft. ”Mich beeindruckt das verbindende Verständnis von Kreativität, Schamanismus und Widerstand. Es sind Elemente die in diesem System des Konsums gezielt verdrängt werden. Konsum von Produkten, von Drogen und TV als Flucht aus einer Welt, in der sich die Menschen verkaufen müssen. Es geht in unseren Filmen um direkte Aktionen. Der Akt des Filmemachens als wirkliche Erfahrung und nicht als sorgfältig inszenierte Lüge. Wir versuchen Veränderungen anzuregen indem wir wichtige Themen zur Diskussion bringen, um dann zur Aktion überzugehen und diese in unsere Filme integrieren. Selbstverständlich bedeutet dies, dass man sich manchmal außerhalb der normalen Parameter bewegen muss.”
 
Von einem ähnlichen Kultur- bzw. Kunstverständnis geht das Projekt ’Art and Revolution’ aus, das seit 1996 mit unterschiedlichen fortschrittlichen Organisationen zusammenarbeitet. Bekannt wurde ’Art and Revolution’ insbesondere durch die riesigen symbolträchtigen Puppen, die von ihren Mitgliedern auf Demonstrationen getragen werden und diesen dadurch ein besondere visuelle Ausdruckskraft geben. ”Wir glauben, dass politische Arbeit ohne kreative Visionen in eine Sackgasse führt, genauso wie Kunst ohne politische oder soziale Bedeutung keine wirkliche Perspektive eröffnet.” erläutert eine der Aktivistinnen. ”Wir sind ein Kollektiv, das in seinen Projekten kreative kulturelle Ausdrucksformen mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit verbindet. Wir bringen phantasievoll Musik, Poesie und Kunst auf die Straßen, um auf die kritischen Themen unserer Zeit aufmerksam zu machen. Wir nutzen Kunst als Werkzeug zur Unterstützung von Graswurzelinitiativen, wie auch zur Entwicklung neuer Formen des Widerstands und der Kommunikation.”
 
Die Idee der ”Reclaim the Streets”-Events entstand in den neunziger Jahren. Ausgangspunkt war das Bestreben Politik und Party zusammenzubringen, nicht zuletzt um auf diesem Wege festgefahrene und kopflastige Strukturen innerhalb der linken Bewegungen aufzubrechen. Politische Demonstrationen sollen in diesem Sinne nicht nur trockene Manifestationen bestimmter Haltungen sein, sondern auch lustvolle Feste eines anderen Lebensgefühls und einer anderen Kultur. Entsprechend werden Sound-Systems und Live-Musik in die Demos integriert, während die TeilnehmerInnen nicht länger nur Parolen skandierend eine bestimmte Strecke ablaufen. Vielmehr tanzen sie nun in den Straßen, die sie für sich zurückfordern. Mit einem gewissen Augenzwinkern beziehen sich die TeilnehmerInnen dabei bis heute auf die Anarchistin Emma Goldmann, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts einmal sinngemäß verkündet haben soll: ”Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist es nicht meine Revolution.”
 
Monica und Tomcat gehören zu den Reclaim-The-Streets-AktivistInnen in San Francisco, die bewusst am 1. Mai eine Party-Demo veranstalten. Bemerkenswert ist dabei die Verbindung der Walpurgisnacht-Feiern der ursprünglichen Kultur der Hexen mit dem revolutionären Verständnis des 1. Mai. ”Die Idee des 1. Mai geht lange zurück. Ursprünglich war es ein erdverbundenes sexy Fest, das der Fruchtbarkeit der Erde, unserem eigenen Leben und einer erträgnisreichen Ernte gewidmet war. Kirche, Staat und Patriarchat ächteten dieses Fest, aber die unbeherrschbare Natur des 1. Mai ließ sich nicht unterdrücken. Er wurde als Kampftag der ArbeiterInnen wiedergeboren, auch wenn die heutigen ArbeiterInnen keine Ernte mehr für die Gemeinschaft einbringen, sondern nur noch für die Reichen arbeiten.”
 
Als DJ legt Tomcat meist progressiven Techno auf, wobei er jedoch gegenüber ”Peace, Love and Unity” als den so oft beschworenen Werten der Techno- und Trance-Szene eine eher kritische Position einnimmt. ”Diese Worte sind Floskeln, die jeder unterschreiben kann. Natürlich ist jeder für Frieden, aber was heißt das schon? Ist es Frieden, wenn Menschen in den Straßen ohne Essen dahinvegetieren müssen und zigtausende in den Gefängnissen sitzen? Alle Kriegsherren proklamierten den Frieden.” Monica fügt hinzu: ”Wir gehen am 1. Mai auf die Straße, um an die Kämpfe für einen wahren Frieden und an die Kämpfe für die Rechte der ArbeiterInnen zu erinnern. Wir veranstalten Partys, um die rebellische Kraft vergangener Zeiten in den heutigen Widerstand zu übertragen, um das Feuer weiter brennen zu lassen für die Erde, für die Menschen, für unsere Zukunft.”
 
 Wolfgang Sterneck
w.sterneck@sterneck.net - www.sterneck.net
Weitere Infos unter:
www.gottribes.org
www.artandrevolution.org
www.ccc.org
www.foodnotbombs.net
www.guest.xinet.com/rts
www.sterneck.net


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