Sterneck.Net



STERNECK.NET

Cybertribe-Archiv

Utopia  |  Politik  |  Íkologie  |  Gender  |  Sex  |  Cyber
Ritual  |  Drogen  |  Musik  |  Literatur  |  Vision  ||  Projekte  ||  English

Claus Sterneck
Claus-In-Island  |  Pictures+Sounds  |  Ausstellungen  |  Musik  |  Facebook  |  News  |  English

Wolfgang Sterneck
Artikel+Texte  |  Foto-Reportagen  |  Bücher  |  Workshops  |  Musik  |  Facebook  |  News  |  English

Archiv Sterneck.net
www.sterneck.net contact@sterneck.net

PARTY, POLITIK UND
DIE RHYTHMEN DER VERÄNDERUNG


Interview der umweltpolitischen Zeitung ’Kritische Masse’ mit Wolfgang Sterneck.
Die Fragen stellte Mandus. Frankfurt am Main, Januar, 2009.
Kritische Masse : www.kritische-masse.org
Wolfgang Sterneck : www.sterneck.net

-----*-----

1) In „Der Kampf um die Träume“ schilderst du die politischen Potentiale verschiedener Musik-Kulturen rund um die Welt. Hast du zu all diesen (Sub-)Kulturen auch einen persönlichen Bezug? Oder gibt es da welche, die für dich mehr wiegen?

2) Welche kulturell aktiven Menschen haben dich am meisten beeinflusst?

3) Die Schnittmenge von Party & Politik wird gerne als individualanarchistisch bezeichnet? Kannst du das auch vertreten?

4) Du sprichst vom rebellischen Potential des Tanzens durch temporäres Außer-Kraft-Setzen der sonst allgegenwärtigen Rationalität. Aber benötigt es über die „temporäre autonome Zone“ hinaus nicht eine Utopie, die auf Dauerhaftigkeit ausgelegt ist?

5) Was hältst du in diesem Zuge von den Visionen der „echten“ Tribes, auf die sich zum Beispiel die PrimitivistInnen und die Rainbow Family berufen? Und was hältst du vom Leben der „echten“ Indigenen?

6) In deinem Buch „Cybertribe-Visionen“ wird die Zerstörung der Persönlichkeit eines unangepassten Hippies durch die Psychiatrie beschrieben. Sind die „tanzenden Sterne“ im Falle eines Konflikts den Bedrohungen gegen sie wehrlos ausgeliefert oder haben sie eine Möglichkeit, sich zu verteidigen?

7) Welche Hoffnung hast Du? Was gibt dir die Kraft, trotz alledem so viel auf die Beine zu stellen?


-----*-----


1) In „Der Kampf um die Träume“ schilderst du die politischen Potentiale verschiedener Musik-Kulturen rund um die Welt. Hast du zu all diesen (Sub-)Kulturen auch einen persönlichen Bezug? Oder gibt es da welche, die für dich mehr wiegen?

Sterneck:
Es gibt Musikrichtungen, die ich lieber höre als andere, aber das hat in dem Buch keine Rolle gespielt. Mir ging es unter anderem darum zu zeigen, dass die Wurzeln von so unterschiedlichen Strömungen wie Punk, Techno, HipHop, Free Jazz, Industrial usw. in ihren ursprünglichen Idealen vergleichbar sind.

Auch wenn die Musik anders klingt, so ging es ursprünglich immer um Freiräume, um kreative Entfaltung, um einen Weg fernab des Establishments, um Ausbruch, um Gemeinschaft, um Community, und ausdrücklich nicht um Kommerz und Starkult. Es ging um „Do It Yourself“! - Du brauchst keinen Kommerz-Club, keinen Manager, kein Mega-Label, sondern den Willen etwas bewegen zu wollen. Und diese Bands und Projekte findet man im Underground jeder Szene, wenn man bereit ist hinter den Schein von Hitparaden und TV-Shows zu blicken...


-----*-----


2) Welche kulturell aktiven Menschen haben dich am meisten beeinflusst?


Sterneck:
Es gab und gibt kein besonderes Vorbild, keine Leitfigur und auch kein Aha-Erlebnis, das alles verändert hat. Aber viele Impulse und Anregungen. Es ist im Grunde ein fließender Prozess.

Ich beschränke mich einfach mal auf den musikalischen Bereich, sonst würde die Aufzählung zu lang. Spontan fällt mir die Hardcore-Band Crass ein, die in allen Lebensbereichen konsequent Musik und Politik verbunden hat und trotz allem äußeren Druck ihren Idealen treu geblieben ist. Auch die ersten politischen Platten von Ton Steine Scherben waren wichtig für mich. Der Spiral Tribe und sein Weg fernab aller Vorgaben. Und John Cage fällt mir ein, weil er ein neues Verständnis von Stille und von der Gleichberechtigung aller Klänge und Geräusche eröffnet hat. Und die frühen experimentellen Industrial-Aufnahmen von SPK...

Ein wichtiger Impuls ist auch immer wieder Conni vom Playground und das Prinzip des „Be your own live-act!“ - also nicht länger auf eine Bühne zu blicken, sondern selbst aktiv zu werden. Und Claus, dem mit seinen Dröhnkassetten in ganz jungen Jahren genau dieser Übergang ganz eigenwillig gelang. Und Tibo mit seiner absurden Musik und Robert mit der Beschäftigung mit dem unfreiwilligen Dada im Alltag. ... Und auch Luisa Francia und das innere Lied, das auftaucht, wenn man scheinbar gar nichts macht ... Wenn ich noch etwas nachdenke, dann fällt mir sicherlich noch viel mehr ein, aber dabei will ich es erstmal belassen...


-----*-----


3) Die Schnittmenge von Party & Politik wird gerne als individualanarchistisch bezeichnet? Kannst du das auch vertreten?


Sterneck:
Das mag für einige wenige Personen zutreffen. Insgesamt ist es aber eine unzutreffende und zum Teil auch eine in diesem Zusammenhang gezielt abwertend genutzte Bezeichnung. Von der Theorie ausgehend, steht der individualistische Anarchismus für eine Ordnung ohne Herrschaft, die der einzelnen Person einen möglichst großen Raum zur Selbstentfaltung eröffnet. In der gelebten Praxis steht Individualanarchismus allerdings oftmals für einen puren Egoismus. Individuelle Freiheit ist selbstverständlich wichtig. Wirklich entfalten kann sie sich jedoch nur in Verbindung mit sozialer Verantwortung.

Das hört sich jedoch teilweise leichter an als es ist. Viele linke Feiräume - besetzte Häuser, Kulturprojekte, Wagenplätze usw. - haben mit dem Problem zu kämpfen, dass manche Personen diese Freiräume für ihre eigenen Egotrips ausnutzen, ohne etwas konstruktiv hineinzutragen und die soziale Dimension zu verstehen. Es ist kein Zufall, dass es strukturelle Überschneidungen zwischen dem Individualanarchismus und einem extremen Liberalismus oder dem Anarcho-Kapitalismus gibt.

Party & Politcs geht einen völlig anderen Weg. Es geht eben nicht um den Ego-Trip, aber auch nicht um eine kopflastige Lustfeindlichkeit, die eine abstrakte Ideologie, eine Partei oder gar die Arbeiterklasse realitätsfern über alles stellt. Es geht vielmehr um kreative, kritische, hedonistische Entfaltung mit dem Ziel solidarischer Veränderung - individuell und gemeinschaftlich zugleich.

Die Hedonistische Internationale mit all ihren Ablegern wie dem BUMS, dem Bündnis für urbane Mobilbeschallung, oder der Sektion Sonne und Solidarität, ist ein wunderbares Beispiel dafür. Da taucht mitten im Kornfeld zwischen den Polizeiketten bei den G8-Blockaden von Heiligendamm plötzlich eine bunte Gruppe mit einem kleinen mobilen Soundsystem auf und erzeugt eine neue positive Energie. Da nehmen einige AktivistInnen in Schlauchbooten und Piratenfahnen an einer Blockade der Spree teil, um die Promotion-Schifffahrt von Investoren zu verhindern, die Kreuzberg und Friedrichshain profitgierig umgestalten wollen. Da stürmen einige Party&-Politics-AktivistInnen einen Supermarkt, um gegen die Kündigung einer kritischen Kassiererin tanzend zu protestieren...

Fantasievolle Aktionen, die auch Leute außerhalb des politischen Spektrums erreichen. Aktionen mit Symbolkraft, die etwas in den Köpfen bewegen und Spaß machen. Und dies alles ohne dogmatische Vorgaben, sondern immer auch mit einem selbstironischen Augenzwinkern und mit dem Aufruf nicht nur passiv zuzuschauen, sondern selbst aktiv zu werden, selbst eigene Aktionen zu entwickeln.

Ein anderer Ausdruck von Party & Politics sind die Connecta-Partys und die „Gathering of the Tribes“-Festivals, die Musik von DJs und Bands mit Workshops, Filmen, Vorträgen, Sessions, Playgrounds, Kinderfesten, Ausstellungen und Polit-Aktionen verbinden.

Und ganz wesentlich sind selbstverständlich all die „Reclaim the Streets“-Aktionen, die NachtTanzDemos, die Mayday-Paraden. Nicht nur eine trockene Demo gegen irgendetwas, sondern mit Rhythmus und Tanz ein anderes Lebensgefühl auf die Straße bringen. Das Zitat „Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist es nicht meine Revolution“, bringt es auf den Punkt, auch wenn die angebliche Urheberin, Emma Goldman, es so nie gesagt hat.

Es geht letztlich darum, nicht nur auf den Dancefloors zu tanzen, sondern genauso in den Straßen, in den Klassenzimmern, in den Parlamenten, in den Konzernzentralen - Tanzen für konsequente Veränderung...


-----*-----


4) Du sprichst vom rebellischen Potential des Tanzens durch temporäres Außer-Kraft-Setzen der sonst allgegenwärtigen Rationalität. Aber benötigt es über die „temporäre autonome Zone“ hinaus nicht eine Utopie, die auf Dauerhaftigkeit ausgelegt ist?

Sterneck:
Nun, das bezieht sich als ersten Schritt auf die ganz persönliche Erfahrung. Ich spreche dabei vom trancehaften Tanz, der es ermöglicht loszulassen, innere Blockaden zu lösen und in den Zustand des Flows zu kommen. In der westlichen Welt ist dies oftmals negativ belegt. Sich fallen lassen, Gefühle zeigen, im positiven Sinne die Kontrolle verlieren, all das wird in der Regel eher als Schwäche ausgelegt, obwohl es eigentlich eine Stärke ist.

Dies lässt sich zum einem auf die lustfeindliche Machtpolitik der christlichen Kirchen zurückführen, die unsere Kultur über Jahrhunderte geprägt hat. Aber auch auf ein falsches Verständnis der Philosophie der Aufklärung, das alles abwertet, was sich nicht mit der Vernunft sofort einordnen oder unterordnen lässt. Auch die traditionelle Linke ist da oftmals völlig kopflastig in diesem bürgerlichen Weltbild gefangen.

Eine Trance-Erfahrung kann vor diesem Hintergrund zu einem persönlichen Ausbruch werden und in einem größeren Kontext zu einer Politik des Körpers. Wenn es jedoch nur dabei bleibt, wenn es sich auf einen kurzen Moment des subjektiven Ausbruchs aus den Strukturen des Alltags beschränkt, wenn es sich auf eine kurzzeitige innere „temporäre autonome Zone“ beschränkt, um diesen Begriff von Hakim Bey aufzugreifen, dann sind die Übergänge zwischen Ausbruch und Flucht fließend.

Ihr wirkliches Potential kann solch eine tranceartige Erfahrung erst dann entfalten, wenn sich danach bewusst damit auseinander gesetzt wird, wenn es gelingt aus dieser Erfahrung Erkenntnisse zu ziehen und diese in den Alltag zu übertragen.

Wichtig ist dabei gleichermaßen individuell auf sich selbst zu schauen, aber auch die persönliche Erfahrung in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Dann wird nämlich sehr schnell klar, dass die eigenen Erfahrungen keine Zufallsprodukte sind, sondern im Kern eine Folge bestimmter Lebensverhältnisse, bestimmter gesellschaftliche Strukturen.

Die Leistungsgesellschaft, der ständige Run auf Erfolg und Profit, der Zwang den Schein zu waren usw. - all das verspannt, blockiert, macht krank. Wir leben in einer Gesellschaft voller blockierter Menschen, die sich eigentlich nach nichts mehr sehnen, als in den inneren und äußeren Flow zu kommen.

Deshalb ist es wichtig zu schauen, welche Wege es für uns persönlich gibt, um aus diesen Blockaden auszubrechen und in diesen Fluss zu kommen. Und es ist genauso wichtig zu schauen, welche Bedingungen um mich herum verkrampfen, blockieren und zerstören.

Wie sieht es an der Schule aus, am Arbeitsplatz? Welche Vorgaben gibt es, welche Normen muss ich erfüllen? Welche Visionen und Träume habe ich? Warum habe ich aufgehört zu träumen? Welchen Sinn finde ich, welcher Sinn wird mir vorgegeben? Welche Strukturen erzeugt dieses System im inneren des Einzelnen, im Umgang miteinander, im Verhältnis zur natürlichen Umwelt? Und wie lassen sich zerstörende Strukturen aufbrechen und verändern?


-----*-----


5) Was hältst du in diesem Zuge von den Visionen der „echten“ Tribes, auf die sich zum Beispiel die PrimitivistInnen und die Rainbow Family berufen? Und was hältst du vom Leben der „echten“ Indigenen?

Sterneck:
Ich benutze den Begriff „Tribes“ bzw. „Cybertribes“ in einem symbolhaften Sinn. „Tribe“ als Metapher für eine gemeinschaftliche Form des Zusammenlebens in Balance. Cyber als symbolhafter Bezug zur Gegenwart: Internet, Cyberspace, moderne Technologien etc. Es geht mir um Gemeinschaften, Gruppen, Projekte, Communities, die in der Moderne mit den Mitteln der Gegenwart einen Weg gehen, der sich von der vorherrschenden Vereinzelung, dem Konkurrenzprinzip und dem passiven Konsum bewusst abgrenzt.

Mir geht es nicht um den konkreten Bezug auf einen bestimmten Stamm oder eine bestimmte traditionelle Kultur. Es macht auch keinen Sinn, irgendein ein Ritual oder eine Lebensphilosophie aus einer traditionellen Kultur identisch in die Moderne zu übertragen. Es kann nicht funktionieren, da wir in unserem Inneren anders ausgerichtet sind und die soziokulturellen Verhältnisse völlig andere sind. Aber man kann Impulse und Elemente aufgreifen. Schauen was passt, was mich persönlich und eine Community vielleicht weiterbringen kann.

Spätestens seit der alten Diskussion um das Bild des „edlen Wilden“, das der Philosoph Rousseau irgendwann mal im 18. Jahrhundert romantisch verfälschend entworfen hat, dürfte klar sein, dass es den „idealen Stamm“ auf keinem Kontinent gibt, so sehnsüchtig wir vielleicht auch danach suchen. Da mögen manche traditionellen Stämme auf den ersten Blick recht idyllisch, harmonisch und in einigem vorbildhaft erscheinen. Bei näherer Betrachtung werden jedoch immer auch Widersprüche sichtbar und vieles, das nach unseren heutigen Maßstäben einer freien emanzipatorischen Kultur völlig widerspricht.

Die Rainbow Family verzichtet auf ihren zum Teil mehrwöchigen Treffen mit hunderten TeilnehmerInnen bewusst auf elektrische Geräte, Entscheidungen werden weit möglichst auf dem Konsensprinzip getroffen, die Versorgung ist großteils vegan. Es geht um eine Balance im Verhältnis zu sich selbst, zur Gemeinschaft und insbesondere zur Natur. Es geht um ein ganzheitliches Selbstverständnis und um eine ganzheitliche, verantwortungsvolle Lebenspraxis.

Ich habe größten Respekt vor diesem Weg, der sich nicht nur auf Symbole beschränkt, sondern in konkret gelebte Veränderung mündet und sich so der ökologischen Zerstörung entgegenstellt. Es ist ein wichtiger Weg.

Den einzig wahren, richtigen Weg gibt es jedoch nicht. Einige konzentrieren sich auf politische Arbeit im engeren Sinne, andere versuchen in den Metropolen Freiräume zu gestalten, andere wie die Rainbow Family versuchen eine konkrete Alternative zu leben. Entscheidend ist die Bereitschaft sich der Zerstörungsmaschinerie konsequent entgegen zu stellen und auf unterschiedlichen Ebenen Alternativen zu entwickeln.


-----*-----


6) In deinem Buch „Cybertribe-Visionen“ wird die Zerstörung der Persönlichkeit eines unangepassten Hippies durch die Psychiatrie beschrieben. Sind die „tanzenden Sterne“ im Falle eines Konflikts den Bedrohungen gegen sie wehrlos ausgeliefert oder haben sie eine Möglichkeit, sich zu verteidigen?

Sterneck:
Ich spreche nicht nur von den „tanzenden Sternen“, sondern auch von den „träumenden Sternen“, den „liebenden Sternen“ und ausdrücklich auch von den „kämpfenden Sternen“.

Es gibt verschiedene Ebenen politischer Aktivitäten, es gibt unterschiedliche Wege von Protest, Widerstand und Veränderung. Wer vorgibt den einzig wahren Weg zu kennen, befindet sich selbst in einer Sackgasse - auf der gesellschaftlichen Ebene und vermutlich auch auf einer ganz persönlichen Ebene.

Es gibt Situationen in denen kann ein Gespräch oder ein Flugblatt oder ein Musikstück etwas entscheidend in Bewegung setzen. Manchmal ist es auch ein Lächeln, welches ein ganzes System entlarven kann. Ich denke da zum Beispiel an die Rebel-Clowns bei Demos und Blockaden. In anderen Situationen, unter den Bedingungen eines repressiven und diktatorischen Systems kann es notwendig sein, alle Möglichkeiten des Widerstands zu nutzen.


-----*-----


7) Welche Hoffnung hast Du? Was gibt dir die Kraft, trotz alledem so viel auf die Beine zu stellen?

Sterneck:
Um es klar zu sagen, ich habe im Grunde keine Hoffnung auf eine befreiende Veränderung. Alle zwei Sekunden wird ein Stück Regenwald in der Größe eines Fußballfeldes gerodet. Die Profitgier zerstückelt die ökologische Lunge der Erde. Und jeden Tag sterben rund 25.000 Menschen an Hunger, obwohl genügend Lebensmittel für alle Menschen vorhanden sind.

Eigentlich müsste die UNO und jede verantwortungsvolle Regierung alles daran setzen, um diese Entwicklungen zu beenden. Eigentlich sollten in jeder Nachrichtensendung diese Meldungen an erster Stelle kommen. Doch diese Realitäten sind scheinbar so normal und selbstverständlich in diesem System, dass sie nicht mehr erwähnt werden. Vermutlich würden sie auch zuviel aufzeigen... Und auch wir alle verdrängen diese Zustände zumeist in unserem Alltag völlig. Wir müssen sie verdrängen, um nicht in Depressionen zu verfallen.

Die Klimakatastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, all die Pseudo-Beschlüsse und Absichtserklärungen auf irgendwelchen Konferenzen sind bestenfalls der Tropfen auf den heißen Stein der Erderwärmung. Anstatt alle Möglichkeiten zu nutzen, den Klimawandel zumindest einzuschränken, konzentrieren sich Politik und Öffentlichkeit derzeit auf die Finanzkrise, denn der herrschenden Logik zufolge müssen Konsum und Wachstum gesichert werden.

Ja, Deutschland muss seinen Platz als Exportweltmeister verteidigen - welch Zynismus. Wir alle sind Exportweltmeister hören wir immer wieder - auch Du und ich. Exportweltmeister in Anbetracht von Klimakatastrophe und unzähligen Hungertoten.

Es ist unschwer voraus zu sagen, dass sich in gar nicht so ferner Zukunft kaum jemand mehr an die derzeitige Finanzkrise richtig erinnert, weil die ökologische Zerstörung völlig neue Wertigkeiten schaffen wird und die Lebensbedingungen sich extrem verschärfen werden. Der globalisierte, neoliberale Kapitalismus ist nicht gescheitert, wie zur Zeit oftmals behauptet, er erneuert sich gerade und frisst sich in seiner Profitgier weiter zerstörend durch die Welt.

Ich sehe keine gesellschaftliche Bewegung in einer relevanten Stärke, die einen Gegenpol bilden kann. Wenn zu einer alternativen, linken Demo in Berlin oder Frankfurt 4.000 Menschen kommen, dann wird sie in Regel von den VeranstalterInnen als Erfolg bewertet. Gleichzeitig kommen zu einem durchschnittlichen Bundesliga-Spiel von Hertha Berlin oder Eintracht Frankfurt rund 40.000 ZuschauerInnen. - Dies zeigt das Größenverhältnis, offenbart Wertigkeiten, Bewusstseinsprozesse, Machtverhältnisse in diesem System.

Selbst die relativ starke achtundsechziger APO und die sozialen Bewegungen der siebziger Jahre haben das System nicht grundlegend verändern können. Auch wenn sie in vielen Bereichen wichtige Veränderungen bewirkten, so wurden sie als Ganzes, von wenigen Ansätzen abgesehen, geschluckt und integriert. Der Prozess der unterschwelligen Vereinahmung ist meist viel effektiver als die offene Repression. Dem Kapitalismus gelingt es immer wieder selbst seine Antithese zu vermarkten, wie sich an der Hippie- oder Punk-Kultur genauso wie an Che Guevara und unzähligen anderen Beispielen immer wieder zeigt.

Der Hoffnungsträger Barack Obama wird sicherlich einige Veränderungen in die Wege leiten - und in historischen Kategorien betrachtet, ist seine Wahl von herausragender Bedeutung. Er wird jedoch die grundlegenden Strukturen, die zur ökologischen und sozialen Katastrophe führen, nicht einmal ansatzweise in Frage stellen, sondern sie vielmehr bestärken. Letztlich wird die Maschinerie besser geölt weiterlaufen - ihrem eigenen Untergang entgegen.

Ich sehe keine Perspektiven einer wirklichen nachhaltigen Veränderung auf ökologischer, sozialer und kultureller Basis - und bin dabei je nach Definition ein Realist oder Pessimist. Dennoch glaube ich, dass jeder und jede Einzelne die Verantwortung hat, Sand nicht Öl in der gigantischen Maschinerie der Zerstörung zu sein.

Und ich sehe an unzähligen Beispielen die Notwendigkeit und die konkrete Möglichkeit im Hier und Jetzt Freiräume zu entwickeln, in denen zumindest ansatzweise ein anderes Leben möglich ist.

- * -

- Johannes und den Migrobirdos gewidmet * -


-----*-----






Zurück zur Übersicht