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Wolfgang Sterneck
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DIE SUBVERSIVE SCHÖNHEIT DES SCHMETTERLINGS


Kreativer Widerstand im urbanen Dschungel:
Aktionen mit dem Comando Selva 22 in den Favelas von Rio de Janeiro



DIE BLENDENDE SONNE DER COPA

Am legendären Strand der Copacobana wird gerade mit viel Aufwand eine Bahn für ein Show-Rennen des 100-Meter-Weltrekordlers Usain Bolt aufgebaut. Es ist ein weiteres Mosaikstück des Bildes von Rio de Janeiro, das die Tourismus-Agenturen der Stadt in die Welt hinaus schicken.

Das weit verbreitete Image einer Stadt, die von Elendsvierteln und Kriminalität geprägt ist, soll zugunsten des Bildes einer modernen Metropole mit herausragenden Events und vielen Sehenswürdigkeiten verändert werden. Ein Image, das jedoch in seiner Einseitigkeit ebenso verfälschend wirkt wir die Beschreibung eine Stadt, die von Verbrechen bestimmt wird.

Ständige Bezugspunkte in dieser Welt der Postkarten-Impressionen sind Strand-Motive, die überdimensionale Christusfigur und der Zuckerhut. Daneben wird sich beständig, auf den Karneval in Rio, sowie auf die Fußballweltmeisterschaft und Olympia als internationale Top-Events der kommenden Jahre bezogen.


INNERE UND ÄUSSERE MAUERN

Moon und ich treffen uns mit MVHemp am Posto 5 der Copacabana und verabschieden uns zugleich von dieser Mischung aus chilligen Meeresstrand und erdrückenden Hotel-Hochhäusern, die längst den Anblick bestimmen. Wir begeben uns zur Metro, um dort Cristiano und Djoser zu treffen und hinaus in die Welt der Faveles zu fahren.

Auf dem Weg zur Station laufen wir an einigen Luxus-Gebäuden vorbei, die von Meterhohen Zäunen und teilweise von Stacheldraht umgeben sind. In den Eingangsbereichen sitzen gelangweilte Sicherheitskräfte. Moon stellt mit einem ironischen Unterton die Frage, ob sich die vermögende Oberschicht hier selbst in goldene Käfige eingesperrt hat.


EINE GEMEINSAME SPRACHE OHNE WORTE

Wir sprechen kein portugiesisch, während MVHemp und seine Freunde nur wenige Worte Englisch beherrschen. Im Vorfeld hatten wir über Mail mit Hilfe von Übersetzungsprogrammen kommuniziert.

Doch einmal mehr zeigt sich, dass es keiner gemeinsam gesprochenen Sprache bedarf, wenn die Grundenergien zwischen den Beteiligten stimmen. Wir verständigen uns mit Blicken, Bewegungen und Zeichen. Im Kern sind es unsere gemeinsamen Ideale, die hier weitgehend Worte überflüssig machen.


COMANDO SELVA 22


Cristiano, Djoser und MVHemp gehören Comando Selva 22 (CS22) an, einer locker organisierten Gruppe, die mit vielfältigen Aktionen Kultur und Politik in den Favelas der Stadt verbinden. Comando Selva steht für "Dschungel-Komando", angelehnt an die Vorstellung von Rio als ein riesiger urbaner Dschungel. Die 22 bezieht sich daneben sinnbildlich für eine scheinbar unsinnige Handlung.

"Viele halten uns für verrückt, weil wir als Gruppe in die Favelas gehen, also in die Risikogebiete vor denen uns die Polizei und die Medien nachdrücklich warnen. Wir gehen dorthin, um die Menschen zu erreichen, die aufgegeben und verdrängt wurden. Wir tauschen uns mit ihnen aus, unterstützen sie in ihren Kämpfen und tragen unsere Ausdrucksformen und Ideen weiter."


DIE BEFREIUNG DER KÖPFE

Die Aktionen von Comando Selva 22 werden zum Teil dokumentiert und über das Internet verbreitet. Inzwischen schließen sich dem Projekt immer mehr AktivistInnen mit ihren speziellen Fähigkeiten an, um, wie sie selbst sagen, "die Köpfe aus den Fängen des Systems zu befreien."

Comando Selva 22 organisiert entsprechend Graffiti-Workshops, koordiniert Treffen von alternativen KünstlerInnen und produziert politische HipHop-Stücke, die online abrufbar sind. Das Projekt regt zudem Kinder und Jugendliche an, sich kreativ mit den umgebenden Realitäten auseinanderzusetzen, und gestaltet mit den BewohnerInnen verschiedener Favelas soziokulturelle Veranstaltungen.

In einem fließenden Prozess wird dadurch bei allen Beteiligten immer wieder das Bewusstsein gestärkt, dass es möglich ist, die Verhältnisse gemeinschaftlich auf unterschiedlichen Ebenen neu zu gestalten.


IN DEN RISSEN DES SYSTEMS

Einmal mehr zeigt sich am Beispiel von Comando Selva 22, dass fernab der vorgegebenen Strukturen im Untergrund der urbanen Metropolen vielfältige Projekte bestehen, die sich der kulturellen Gleichschaltung widersetzen und versuchen neue Wege zu gehen. Die Rhythmen ihrer Musik sind zum Teil unterschiedlich aufgebaut und die Texte variieren in ihren Bildern, doch in ihren grundlegenden Botschaften gleichen sie sich.

Beständig geht es dabei um Aktionen des Widerstandes und um Freiräume in denen zumindest ansatzweise ein anderes Leben möglich ist. Freiräume, die von selbstbestimmter Kreativität und solidarischer Verantwortung geprägt sind .


ZUTRITT VERBOTEN

Als wir an einer Station in der Zona Norte der Stadt wieder aus der Metro aussteigen, ziehen wir an einigen abgesperrten Gebieten vorbei. Ein stählernes Tor mit Stacheldrahtumzäunung, sowie Sicherheitspersonal sorgen dafür, dass die Neubausiedlung "Vila Brasil" nur denen zugänglich ist, die es sich leisten können.

In den einige Straßenzüge weiter beginnenden Favelas der Stadtteile Benfica und Manguinhos hat sich dann das Stadtbild komplett verändert. Keine gleichförmigen Hochhäuser oder abgesperrte Bereiche, sondern meist zwei- oder dreigeschossige Gebäude, die improvisiert eng aneinander gebaut sind. Jedes auf seine besondere Weise.

Trotz aller offensichtlichen Mängel haben die meisten Gebäude etwas einladendes. Eine gewachsene Struktur, die nicht in Architekturbüros und auch nicht in den Abteilungen der politischen Stadtplanung entworfen wurde, sondern aus den gegebenen Möglichkeiten und Bedürfnissen ihrer BewohnerInnen heraus schrittweise entstanden ist.


ZWISCHEN METRO UND ABFLUSSKANAL

Gleichzeitig sind einige Problematiken schon auf den ersten Blick sichtbar. Der einbetonierte Bach, der sich durch die Favelas zieht, gleicht einem Abflusskanal, in den zum Teil die Abwässer aus den Häusern direkt eingeleitet werden. Mehrfach muss ich zudem in den engen und dunklen Gassen an Petzi denken, der auf seine spezielle Weise darauf verwies, dass er sich in Städten nicht wohl fühlt, in denen es mehr Häuser als Bäume gibt.

Unablässig rauscht zum Teil ohne Absperrung unmittelbar neben den Hütten und Häusern die Metro vorbei. Und über den Gassen bilden die zahllosen Stromleitungen an manchen Stellen riesige, scheinbar unauflösbare Knotenpunkte mit entsprechenden Risiken.


EINE FAUST MIT EINER SPRÜHDOSE

Von einem Übergang aus erkennen wir zwischen den Schienen einige hüllenlose Schallplatten, die sofort die Aufmerksamkeit vom MVHemp und Djoser erregen. Es ist offensichtlicht für sie nicht nachvollziehbar, dass man Vinyl einfach wegwerfen kann. In ihrem Bruchstückhaften Englisch sprechen sie von "Dead Music".

Wir ziehen weiter zu einem kleinen, verwinkelten Haus in der Favela-Siedlung Arará, in dem Hip Hop Sanduba zu Hause ist, ein Musik- und Streetart-Projekt aus dem Umfeld von Comando Selva 22. Die Zimmer des Hauses sind bunt gestaltet. Ein Stencil an einer Wand zeigt eine Faust, die eine Sprühdose umschließt.


POSTMODERNE RHYTHMEN IM REMIX

Insbesondere das Zimmer, in dem sich eine Schallplattensammlung befindet, gleicht einem postmodernen Mix verschiedenster Bezüge. Da hängt eine Maske der Band Kiss über einem Buddha, revolutionäre Literatur steht neben Bildern aus Fantasy-Geschichten.

Der respektvolle Umgang mit den Schallplatten zeigt, welche Bedeutung die Musik für diese Community hat. Gleichzeitig offenbart der Zustand der Cover, dass sie jeweils eine lange und bewegte Geschichte haben.

Wir essen zusammen und kommunizieren mit Hilfen von Zeichnungen, Fotos und Covern. Gerne hätte ich an manchen Punkten nachgefragt und die Infos vertieft, doch im Rahmen unserer eingeschränkten Möglichkeiten haben wir eine energetische Ebene des Austauschs gefunden.

Wie bei den meisten Häusern des Stadtteils wurde auch hier das Dach ausgebaut und wird nun als Terrasse genutzt. Die zentrale Wand ist mit einem Favela-Stencil überzogen. Dazwischen Stencils eines trommelnden Kindes, Bob Marley und die Christus-Figur, sowie das Kürzel CS22.


JESUS UND CHE

Die Dachterrasse ermöglicht einen beeindruckenden Ausblick. Über den Häusern der Favelas erheben sich bei klarem, blauen Himmel die grünen Berge um Rio herum. Zu sehen ist auch die überdimensionale Christus-Figur auf dem Corcovado, die scheinbar die ganze Stadt überragt.

Jesus-Bilder und -Figuren begegnen uns auch innerhalb des Hauses. An einer Stelle findet sich Christus direkt neben einem Aufkleber mit dem Ikonenhaften Bild von Che Guevara. Was auf dem ersten Blick wie ein Widerspruch erscheinen mag, offenbart auf dem zweiten Blick eine tiefere Verbindung.

Jesus wird hier nicht als Symbol einer reaktionären Kirche verstanden, sondern als ein Rebell, der heute in den Favelas und nicht im Vatikan zu Hause wäre.

Ebenso steht Che nicht für die Dogmen pseudo-kommunistischer Parteien, sondern für einen Revolutionär, der die Bequemlichkeit eines Minister-Sessels verworfen und stattdessen idealistisch den Kampf um Befreiung weitergeführt hat.


STENCILS, FOTOS UND ROSEN

Nach und nach kommen immer mehr CS22-AktivistInnen in das Haus. Wir sind inzwischen zehn Personen. Ausgestattet mit Sprühdosen, Stencil-Schablonen, Fotos im A4-Format, Schnüren und Wäscheklammern, sowie mit Stiften, Stickern, Rosen, Fotoapparaten, einer Filmkamera und vielen Ideen geht es los.

Die erste Station bildet das Gemeinschaftszentrum der Favela. Es besteht aus einem etwas größeren, kargen Raum, sowie einem kleinen Büro mit Computer. Die "Associacao de Moradores", die Assoziation der Einwohner, stellt den Raum lokalen Gruppen zur Verfügung und bietet kostenlose Bildungsprogramme an.


COMUNIDADES SOLIDARIAS

In Abstimmung mit den anwesenden Mitgliedern der Associacao spannen wir Schnüre vor das Gebäude und hängen daran Fotos, die ich mitgebracht habe. Es sind symbolhafte Aufnahmen, die auch ohne ein Wissen über den genauen Kontext verstanden werden können. Dazwischen befestigen wir kurze Beschreibungen auf Portugiesisch: "Comunidades Solidarias" ("Solidarische Gemeinschaften"), "Resistencia" ("Widerstand") und "Visao e Criacao" ("Vision und Gestaltung").

Ein Foto zeigt eine Seifenblasen erzeugende Frau, die vor einer langen Kette mit Polizisten steht, die in Helmen und dunklen gepanzerten Kampfanzügen auf ihren Einsatz warten. Eine andere Aufnahme zeigt MusikerInnen bei einer kreativen Protestaktion in einer Straße. Ein drittes Bild zeigt eine größere Gruppe, deren Mitglieder sich an den Händen halten und gemeinschaftlich einen Kreis bilden.

Die Ausstellung erregt bald auch die Aufmerksamkeit der Angehörigen einer Polizeitruppe, die zum Teil mit Maschinengewehren bewaffnet unweit von der Assoziation eine Straßenkreuzung kontrolliert. Mit mürrischen Blicken kommen sie nun zum Hauseingang und schauen sich die Fotos an. Nachdem sie jedoch von Kindern und engagierten AnwohnerInnen umringt werden, schreiten sie nicht weiter ein, sondern ziehen sich zurück.


BUNTE STENCILS AN GRAUEN WÄNDEN

Unsere nächste Station ist eine lang gezogene graue Abgrenzungswand an einem Weg, der durch die Favela führt. Eine Wand, die im Grunde nur darauf wartet endlich in bunten Farben gestaltet zu werden.

Hier bilden nun Stencils den Schwerpunkt: Der Schriftzug Comando Selva, eine Taube, die für den friedlichen Umgang miteinander steht und eine kopflose Figur, die einen bewusstlos funktionierenden Menschen symbolisiert.

Viele Kinder folgen uns, um zu sehen, was geschehen wird. Nach einer kurzen Erklärung werden ihnen die Sprühdosen und Schablonen zur Verfügung gestellt. Voller Begeisterung beginnen die Kids sofort die Wand neu zu gestalten.


SELBSTORGANISATION UND GEWALT

Später machen wir in einer Straße in der Favela Manguinhos eine kurze Pause, in der es vor kurzer Zeit zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Gangmitgliedern kam, wie Cassiano mit ausschweifenden Handbewegungen beschreibt.

In den Favelas bestehen vielfältige solidarische Strukturen der Selbstorganisation und der Kooperation. Gemeinschaftliche Projekte in Verbindung mit einer ausgeprägten Kultur nachbarschaftlicher Unterstützung erleichtern den Alltag bzw. machen in einigen Vierteln das Überleben erst möglich.

Gleichzeitig leiden viele Favelas unter dem Diktat von Gangs und mafiösen Gruppen, die Teile der dortigen Wirtschaftsstrukturen kontrollieren und ihre Profitinteressen gewaltsam durchsetzen. Beim Versuch ihre Einflussbereiche auszuweiten, wird dabei zum Teil brutal gegen konkurrierende Gruppen, sowie auch gegen AnwohnerInnen vorgegangen. Das kapitalistische Konkurrenzprinzip findet hier eine völlig rücksichtslose, nur am eigenen Vorteil ausgerichtete Umsetzung.


BEFRIEDUNG MIT MASCHINENGEWEHREN

Ein großer Teil der rund 700 Favelas in Rio wurde von der Stadtverwaltung und der Polizei über Jahre hinweg praktisch aufgegeben. Inzwischen versuchen die städtischen Behörden jedoch die Kontrolle in einigen ausgewählten Stadtteilen zurück zu gewinnen und diese zu "befrieden".

Die Einheiten der Sondereinsatzkommandos der "Unidade de Polícia Pacificadora" haben inzwischen rund 30 Favelas eingenommen. Nach den Großeinsätzen, die militärisch mit zum Teil mit mehreren tausend Polizisten, sowie Panzern und Hubschraubern durchgeführt wurden, kam es zur Einrichtung von Polizeistationen und teilweise zum Anstoß von sozialen Programmen für die BewohnerInnen der Favelas.


DER DROGENKRIEG ALS VORWAND

Vorrangig wird immer wieder auf die Macht der Drogenkartelle in den Favelas verwiesen und damit die Aktionen der Unidade de Polícia Pacificadora als Teil des Kampfes gegen die Drogenproblematik legitimiert. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Maßnahmen jedoch zwangsläufig genauso zum Scheitern verurteilt wie der seit Jahrzehnten weltweit geführte "War in Drugs" als Ganzes.

Das berechtigte Bedürfnis vieler Menschen sich zu Berauschen und die Wahrnehmung zeitweise zu verändern, kann durch militärische Aktionen selbstverständlich nicht unterdrückt werden. Und so wird auch der Handel mit Drogen nicht verschwinden, vielmehr verlagern sich die Vertriebsstrukturen in andere Stadtteile.

Die Lösung der Drogenproblematik ist nicht in einer verschärften Repression zu finden, sondern im Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht mündiger Menschen und der kontrollierten Legalisierung psychoaktiver Substanzen im Verbindung mit einer Stärkung der Informations- und Hilfsstrukturen.


GENTRIFIZIERUNG IN RIO

Auffallend ist, dass sich die Befriedungsaktionen auf Favelas konzentrieren, die für den Immobilienmarkt und für den Tourismus lukrativ erschlossen werden können bzw. in der Nähe der großen Sportstädten der Fußball-WM bzw. der olympischen Spiele liegen.

Nach der Einnahme der Favelas kommt es zum Teil zu rasanten Umstrukturierungen bzw. Gentrifizierungen der Stadtteile. Teile der ansässigen Bevölkerung können die Gebühren für die zuvor besetzten Grundstücke bzw. die ohne Genehmigung errichteten Gebäude nicht aufbringen und müssen in andere Favelas ausweichen. In anderen Fällen werden die AnwohnerInnen aber auch gezielt vertrieben und deren Hütten bzw. Häuser abgerissen, damit dort neue profitable Immobilien entstehen können.


RÄUMUNG UND VERTREIBUNG

Inmitten einer solchen Siedlung stehen wir nun. Ohne die BewohnerInnen in die Planungen einzubeziehen und auch ohne die Bereitstellungen von Ersatzobjekten werden hier in einer zentralen Lage die Häuser geräumt und abgerissen. Als offizielle Begründung dient der Verweis auf die im Verständnis der Behörden illegale Errichtung der Gebäude.

Die Siedlung, in der nur noch einige wenige BewohnerInnen in den weitgehend zerstörten Häusern zurück geblieben sind, liegt direkt an den Schienen der Metro. Auf der anderen Seite der Bahnverbindung zeigt sich die Zukunft vieler Favelas.

An attraktiven Stellen müssen die Favela-Gebäude teuren Neubauten für die Mittel- und Oberschicht weichen. Hier direkt an der Metro werden sie jedoch durch Wohnblocks ersetzt, deren fantasielose einheitliche Gestaltung kaum individuelle Spielräume zulässt. Architektur wird so als Teil eines Gesamtkonzeptes ein Mittel der Kontrolle und der Profitmaximierung.

Die vorgebliche Befriedung der Favelas entspricht hier deutlich sichtbar einer Vertreibung der ansässigen Bevölkerung. Hinter den sonnigen Images der Postkarten offenbart Rio an solchen Orten eine menschenverachtende Seite.


KUNST IN DEN RUINEN

Inmitten dieser Atmosphäre des Verfalls und der Repression suchen wir uns einige Mauern, die vor wenigen Wochen noch die Innenwände von Wohnzimmern bildeten und beginnen sie neu zu gestalten. Zwischen dem Schutt, der uns umgibt, finden sich verbliebene gerahmte Bilder, Kinderspielzeug und Geschirr.

Die Energien und Ausdrucksformen von Comando Selva 22, Moon und mir fließen nun erneut unter dem Motto 'ReCreate Space' in einer gemeinsamen Aktion zusammen.
MVHemp sprüht Comando-Selva-Stencils, Cassiano schreibt "Arte nas ruinas" ("Kunst in den Ruinen") an eine Abbruchwand und Ant klettert einige Mauern hinauf, um großformatige Graffitis zu gestalten. Dazwischen entstehen lächelnde Gesichter auf Steinbrocken.

Lord Black sprayt währenddessen erneut mit seinen Stencil-Schablonen kopflose Figuren die Fassaden, aus denen zum Teil wiederum kleine kopflose Figuren hinaus gleiten. Es ist seine künstlerische Kritik an gleichgeschalteten Menschen, die nicht denken, sondern nur funktionieren.

Moon zeichnet mit Rosenblättern, die sich als organisches Material hervorragend zur Gestaltung der Wände eignen, das Wort Love mit einem Mondstern an die Wand. Ich hänge einige Fotos von Aktionen auf, die Kreativität und politische Aktion miteinander verbinden. Wir beide schauen uns an, genießen die Energien dieses Tages und küssen uns.

Cristiano zeichnet die Aktionen auf, damit sie später in Videos verarbeit werden können. Und Juliana gestaltet in bunten Farben einen Schmetterling an einer der letzten verbliebenen Wände. In der Tristesse dieses verfallenden Ortes strahlt er eine ganz besondere Energie aus.


DIE SUBVERSIVE KRAFT DES SCHMETTERLINGS

Die verbliebenen BewohnerInnen sind zugleich verwundert und interessiert. Es entstehen Gespräche zwischen ihnen und den Comando-Selva-AktivistInnen über die Situation in den zerstörten Gebäuden und die unklaren Perspektiven, sowie über die kreative Neugestaltung der Abrisswände. Als Ant in großen Buchstaben das Wort Resistencia (Widerstand) an eine Wand schreibt, applaudieren sie.

Protest und Widerstand können viele Gesichter haben. Nachhaltiger als die reine Verneinung ist die kreative Vision bzw. die konkrete Gestaltung von Alternativen. Und in manchen Situationen kann schon das farbenfrohe Bild eines Schmetterlings eine subversive Kraft entfalten.


Wolfgang Sterneck, März 2013.
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