Wolfgang Sterneck
NAXOS - ZERFALL UND GESTALTUNG
1 - NAXOS-GESTALTEN
Hinter den Mauern der ehemaligen Naxos-Fabrikhallen eröffnete
sich eine ganz eigene Welt. Wer entsprechend offen war, der traf
queere Rabbits, die lächelnden City-Ghosts oder eine Alice,
die fantasievoll ihr Wunderland gestaltete. In anderen Bereichen
waren es surreale Buchstaben, die ein Eigenleben entwickelten, und
Mondsterne, die in Einkaufswagen tanzten, oder auch seltsame, scheinbar
körperlose Gesichter, die für einen kurzen Moment im Licht
einer Taschenlampe sichtbar waren, um dann wieder im Dunkel der
Räume zu verschwinden. All diese Gestalten der zerfallenen
Naxos-Hallen waren auf der Suche nach Wirklichkeitsnischen, in denen
sie existieren konnten - und sie waren fündig geworden.
2 - DIE GESCHICHTE DER NAXOS-UNION
In der Geschichte der Naxos-Union spiegelten sich nachhaltig die
Polaritäten eines kapitalistischen Wirtschaftssystems. Der
Naxos-Union gelang der Aufstieg zu einem weltweit führenden
Unternehmen, das später jedoch an veränderten Produktionsbedingungen
zerbrach. Die in Frankfurt am Main beheimatete Firma sicherte sich
die Rechte für den Abbau eines besonderen Schmirgelgesteins
auf der griechischen Insel Naxos und begann um 1880 mit der über
Jahrzehnte hinweg äußerst profitablen Produktion von
Schleifmaschinen. Erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts
verlor das Unternehmen rapide an Bedeutung. Die Besitzverhältnisse
wandelten sich mehrfach und die ursprünglichen Produktionsstätten
in Frankfurt wurden aufgegeben. Ihre dunkelste Zeit erlebte die
Naxos-Union im Zuge der faschistischen Terrorherrschaft, als der
Betrieb vor allem durch den Einsatz von ZwangsarbeiterInnen aufrecht
erhalten wurde.
3 - DIE NAXOS-GEBÄUDE
Das ehemalige Gelände der Naxos-Union an der Wittelsbacherallee
in Frankfurt unterteilte sich nach dem Niedergang des Unternehmens
in drei Bereiche. Ein ehemaliges großes Verwaltungsgebäude
und die im mittleren Bereich liegende ehemalige Produktionshalle
wurden in mehreren Etappen saniert und werden von Agenturen bzw.
Theater- und Kunstprojekten genutzt. Die mittlere Halle ist inzwischen
auf Grund ihrer architektonischen bzw. historischen Bedeutung als
ein Denkmal der Industriekultur geschützt. Der dritte Gebäudekomplex
mit mehreren Hallen und einem weiteren Verwaltungsgebäude stand
über viele Jahre hinweg weitgehend leer und verfiel zunehmend.
Gleichzeitig entwickelte er sich trotz Verbote und Absperrungen
als ein Freiraum für zahlreiche KünstlerInnen, welche
die Räumlichkeiten kreativ gestalteten und immer wieder mit
neuem Leben erfüllten. Nachdem die Stadt Frankfurt Teile des
Geländes zu einem völlig überhöhten Preis über
Jahre hinweg gemietet hatte, erwarb sie 2006 das gesamte Grundstück.
Inzwischen wurden die leer stehenden Hallen vollständig abgerissen.
Zukünftig sollen dort verschiedene Wohnprojekte einen Platz
finden.
4 - NAXOS ALS KREATIVER FREIRAUM
Die Kunst der Metropolen findet sich kaum in den herkömmlichen
Galerien und Museen. Sie wird erst dann wirklich sichtbar und verständlich,
wenn man sich vom bürgerlichen Kunstbegriff löst und auf
die Straßen begibt. Ganze Stadtteile sind zu Museen einer
urbanen Kultur des Undergrounds geworden, die in den letzten Jahrzehnten
in den vielfältigen Ausformungen der Streetart einen kreativen
Ausdruck gefunden hat. Allerdings bleibt sie überall dort,
wo es nur um die penetrante Markierung mit dem eigenen Namenzug
oder ein Bekritzeln freier Flächen geht, in egozentrischen
und destruktiven Sackgassen verfangen. Ihr konstruktives Potential
entfaltet die Streetart als Wiederaneignung öffentlichen Raumes
stattdessen überall dort, wo sie kritische Impulse gibt und
positive Energien freisetzt. In diesem Sinne veränderte sich
zeitweise die Bedeutung der Naxos-Hallen und sie wurden als kreativer
Freiraum zu einem Museum des Untergrunds, das die Naxos-Gestalten
mit Leben erfüllten.
Wolfgang Sterneck, April 2011.
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Naxos-Foto-Sets -
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