Sterneck.Net



STERNECK.NET

Cybertribe-Archiv

Utopia  |  Politik  |  Íkologie  |  Gender  |  Sex  |  Cyber
Ritual  |  Drogen  |  Musik  |  Literatur  |  Vision  ||  Projekte  ||  English

Claus Sterneck
Claus-In-Island  |  Pictures+Sounds  |  Ausstellungen  |  Musik  |  Facebook  |  News  |  English

Wolfgang Sterneck
Artikel+Texte  |  Foto-Reportagen  |  Bücher  |  Workshops  |  Musik  |  Facebook  |  News  |  English

 
www.sterneck.net contact@sterneck.net


Wolfgang Sterneck

NACH AUSSEN IN DEN INNEREN RAUM

- Mexico City - Nikko Hotel - 31.12.2010 - 5:35+x - (Rmx) -

- Ohne Licht schreiben
- Die Verbindungen
- Bewusst Wahrnehmen
- Die Wirklichkeit als Projektion
- Nachtschatten
- Elementarteilchen als Spiegel
- Das Innere der Außenwelt
- Die Vision des Glücks
- Im Fluss sein
- Die Macht der Uniform
- Kokain in der Blutlache
- Luxuriöse Paralelluniversen
- Jesus war ein gefolterter Maya
- Postmoderne Mystik
- Urbane Realitäten
- Die Architektur der Macht
- Widersprüche
- Annäherungen
- Die Wirklichkeit gestalten



OHNE LICHT SCHREIBEN

Ich schreibe im Dunkeln auf einige Zettel
und frage mich,
was ich im Tageslicht noch entziffern kann.

In unserem Zimmer im 35. Stock
liege ich vor einer großen Fensterwand,
die es mir ermöglicht, von oben herab
auf diese Millionenstadt zu blicken.
Eine Stadt, die sich nachts
zu einem beeindruckenden
Lichtermeer wandelt.

Vor einigen Stunden sind wir in
Mexico-City gelandet
und zum Hotel gefahren.
5.35 ist es nun.
In Deutschland zeigt die Uhr
sieben Stunden später an.


DIE VERBINDUNGEN

Während ich aus dem Fenster blicke,
wandelt sich in mir für einige Momente
jede Lichtquelle zum Symbol
für einen Menschen.
Während sich gleichzeitig daneben
unzählige Menschen im Schatten
dieser Stadt bewegen.

Jeder Mensch ein Ich.
Ein Ich mit einer eigenen Geschichte,
mit eigenen Gefühlen, Gedanken,
Sehnsüchten, Visionen.

So wie auch ich selbst wiederum
nur einem Ich entspreche.
Ein Ich von scheinbar endlos vielen.
Und jedes Ich ist von Mauern umgeben,
die in egozentrischen Perspektiven
gefangen halten.

Das System basiert auf den
Ich-Fixierungen der Einzelnen,
Erst wenn wir uns öffnen und
gemeinschaftliche Verbindungen ermöglichen,
kann eine Alternative entstehen.
Auf der ganz persönlichen Ebene
im Kontakt zwischen zwei Menschen,
genauso wie auf der gesellschaftlichen Ebene,


BEWUSST WAHRNEHMEN

Während es lange nahezu still war,
bestimmt nun ein eigenartiges Rauschen
den Raum.
Doch es ist kein Drones-Track,
der aus irgendwelchen
versteckten Boxen dringt.
Ich kann die gleichmäßigen Klänge
nicht zuordnen,
kann die Quelle nicht orten.

Ambient-Sounds im eigentlichen Sinne,
so wie von John Cage einst angestrebt.
Musik nicht durch einen Tastendruck
an- oder ausgestellt,
sondern als umgebendes,
ständig vorhandenes Element.

Eine Frage der Wahrnehmung.
Eine Frage des Bewusstseins.


DIE WIRKLICHKEIT ALS PROJEKTION

Der beeindrucke Ausblick auf der Stadt
hat etwas unwirkliches, fast surreales.
Das flackernde Lichtermeer
gleicht einer Projektion.

Das Fenster könnte auch
ein gigantischer Bildschirm sein
und das Zimmer ein Holodeck.

Fantasien, Gedanken,
Relationen, Wirklichkeiten.
Was befindet sich hinter dieser Scheibe?
Was befindet sich in mir?
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Es bestehen unzählige Paralleluniversen
mit unüberschaubaren Möglichkeiten.
Während wir uns als Menschen dagegen
naturbedingt nur in bestimmten Grenzen
bewegen können.
Und diese Möglichkeiten
noch einmal eingeschränkt werden,
durch uns selbst,
wie auch durch Vorgaben
des umgebenden Systems.


NACHTSCHATTEN

Würde ich hier Lampe anmachen,
würde unser Zimmer,
vom anderen Ende der Stadt
aus betrachtet,
eine weitere Lichtquelle bilden.
Doch ich verbleibe im Dunkeln,
bin ein Schatten in dieser Nacht.

In dieser äußeren Dunkelheit
schreibe ich weiter
und bewege mich auf
Wahrnehmungsebenen,
die ineinander fließen.

Moon wacht auf und fragt mich,
wie es mir geht und
ob ich schlafen konnte.
Ja, ich konnte schlafen.
Fühle mich nun wach und klar.
Habe wie üblich keine Lust,
die Augen zu schließen.


ELEMENTARTEILCHEN ALS SPIEGEL

Die Zimmertemperatur erscheint uns als zu kühl.
Doch um einen Heizungsschalter zu finden,
müsste das Licht angemacht werden.
Und dies würde die eigentümliche Einheit von
Nacht, Raum, Licht und unseren Personen aufheben.
Die neue Wahrnehmung würde
die Wirklichkeit in mir verändern.

In einen assoziativen Gedankenfluss sinniere ich
über die Bedeutung subjektiver
Wirklichkeiten und Wahrnehmungen,
die sich durch einen Lichtschalter verändern lassen.

Ich frage mich mit einem Schmunzeln,
ob das Teilchen vor mir
nun gerade Quant oder Hugo genannt wird.
Und auf welcher Ebene
es einem Spiegelbild derer gleicht,
die es analytisch betrachten,
ohne es zu sehen.

Unabhängig von Stringtheorien und
Neudefinitionen von Elementarteilchen,
wird das, was geschieht,
zu wesentlichen Teilen
von uns selbst beeinflusst.
Die Wirklichkeit ist hinsichtlich ihrer Ausgestaltung
und ihrer Wahrnehmung veränderbar.


DAS INNERE DER AUSSENWELT

Meine Gedanken werden unterbrochen,
als Moon ihre Nachttischlampe anmacht.
Die große Fensterscheibe,
durch die ich die Stadt betrachtete,
verändert weiter ihren Charakter und
wird vollends zur Projektionsfläche.

Ich sehe nun nicht nur das Lichtermeer
in Verbindung mit dem Nachthimmel,
sondern auf der gleichen Fläche
auch das hell erleuchtete Zimmer.
Die Konturen von Moon und
meinem Gesicht verschmelzen.
Zuvor getrennte Ebenen gehen
ineinander über und zerfließen.

Ich selbst bin Teil dieses Raumes,
der sich im Äußeren,
aber auch gleichzeitig in meinem Inneren befindet.

Ich genieße den Flow
der Gedanken und Wahrnehmungen,
genieße die assoziativen Aus- und Innenblicke.
Und ich spiele mit den Bildern
meiner Innen und Außenwelten
auf meinen eigenen Projektionsflächen.


DIE VISION DES GLÜCKS

Meine Gedanken gleiten wieder
hinaus in das Lichtermeer.
In meiner Vorstellung wird
wieder jedes Licht
symbolhaft zu einen Menschen
voller Visionen tief im Inneren.

Visionen, die im Kern die Sehnsucht
nach einem befreiten Leben in sich tragen.
Doch wer weiß,
wie viele davon gelebt werden?
Wieviele gescheitert sind?
Wieviele Visionen ignoriert, vergessen
und unterdrückt wurden?
Wieviele ersetzt wurden
durch die verlogenen Botschaften,
der auch in dieser Nacht hell
erleuchteten Werbebanner?


IM FLUSS SEIN

Die Lampe ist wieder ausgeschaltet.
Getragen von der Frage,
ob ich diese Notizen
irgendwann einmal entziffern kann,
führe ich dieses
Wahrnehmungsprotokoll fort.
Gefolgt von der Überlegung,
ob die Beantwortung überhaupt wichtig ist?

Die Antworten lösen sich in
assoziativen Bildern auf.
Gestalten. Entfalten,
Eintauchen. Im Fluss sein.
Darum geht es.


DIE MACHT DER UNIFORM

Nun sind wieder Polizei-Sirenen zu hören.
Schon auf der Bus-Fahrt
vom Flughafen zum Hotel
war die starke Polizeipräsenz offensichtlich.
Allerdings dient die in weiten Bereichen
korrupte Polizei in Mexiko
im Wesentlichen zur Aufrechterhaltung
der herrschenden Ordnung
und nicht zur Sicherung der Bevölkerung.

Einige stehen gelangweilt in einer Ecke
und warten darauf,
dass ihre Schicht zu Ende geht.
Bei anderen wird schon
im Gesichtsausdruck und
in der Körperhaltung deutlich,
dass sie ihre Macht genießen.

Es ist der autoritäre Charakter,
der in solchen Uniformen aufgeht und
auf Befehl im Extremfall auch Menschen
foltert oder ermordet.

Autoritäre Machtstrukturen
zerstören eingeständiges Denken.
Es geht um das
funktionierende Rädchen im System.


KOKAIN IN DER BLUTLACHE

Ein Drogenhund schnüffelte am Flughafen
an den ankommenden Koffern
ohne fündig zu werden.

Eine lächerliche Situation in Anbetracht
des undurchsichtigen Drogenkrieges
in einigen Teilen Mexikos
zwischen Staat, Kartellen und
zig anderen Beteiligten,
Ein Krieg, der täglich Todesopfer fordert.

Eine kontrollierte Legalisierung
würde zahllose Menschenleben retten
und den Menschen die Freiheit geben,
sich für einen selbstbestimmten Weg
zu entscheiden.
Doch der Kampf um
Profit, Macht und Kontrolle
erstickt solche Überlegungen
in einer Blutlache.


LUXURIÖSE PARALLELUNIVERSEN

Während ich von oben herab
auf diese Stadt blicke,
kommuniziere mit ihr auf meine
ganz eigene Weise.

Und ich bin mir des Privilegs bewusst,
hier in diesem Zimmer
für einige Tage wohnen zu können,
ohne einen Cent zahlen zu müssen.

Das billigste Zimmer in diesem Hotel-Palast
kostet 300 US-Dollar je Übernachtung.
Eine Summe, die ich mir nie leisten könnte -
und auch nicht leisten wollte.
Eine Summe, die für viele
in den Schattenzonen dieser Stadt
ein Vermögen ist.

Für einige Tage ist es mir
für einige kurze Tage als Begleitung
in diese Welt einzutauchen.
Die Erfahrungen gleichen
einer Reise in Paralleluniversen,
sie werden zu einer Auseinandersetzung
mit der Gestaltung und Begrenzung
von Wirklichkeiten.


JESUS WAR EIN GEFOLTERTER MAYA

Inzwischen wird es langsam hell.
Ich öffne die Schublade neben mir.
Es finden sich zwei Bücher:
'The New Testament of
Our Lord and Savior Jesus Christ',
sowie für mich überraschend auch
'The Teaching of Buddha'.

Ein Bezug zur indigenen
schamanischen Kultur
findet sich dagegen inhaltlich entleert
nur in einem Bildband des
Touristik-Ministeriums,
der ebenfalls im Zimmer ausliegt.
Es ist ein Grundwiderspruch dieses Landes,
der im Grunde in fast jeder Stadt und
in jedem Dorf deutlich wird.
Auf der einen Seite der heute
durchgängig verurteilte Terror,
der im Namen der christlichen Liebe
gegenüber der Urbevölkerung ausgeübt wurde.

Auf der anderen Seite die unzähligen Kirchen
und der katholische Glaube,
dem sich heute die meisten MexikanerInnen
trotz aller Verbrechen zugehörig fühlen,
wenn auch mit unterschiedlichen Einflüssen
aus anderen Glaubensrichtungen vermischt.

Viele Kirchen wurden auf den
baulichen Überresten
der Maya-Kultur erbaut.
Auf den Scheiterhaufen
der patriarchalen Kirche
brannten nicht nur
unersetzbare Zeugnisse dieser Kultur,
sonder auch unzählige Menschen.
Satan trägt bis heute
das blutige Gewand des Papstes.


POSTMODERNE MYSTIK

Aber auch die westlich-esoterische Sicht
auf die Maya-Kultur,
ignoriert mystifizierend
viel zu oft die streng
hierarchische Gesellschaftsordnung,
zu deren grausamen Merkmalen
auch Menschenopfer zählten.

Die Vielfalt der Postmoderne erlaubt es,
durch die Welten religiöser Lehren zu reisen und
sich nach eigenen Ermessen zu bedienen
oder auch sie grundsätzlich zu werfen.

Die Gefahr liegt in einer
oberflächlichen Beliebigkeit,
die Stärke in der Freiheit
bewusst einen eigenen Weg zu finden.


URBANE REALITÄTEN

Inzwischen ist es draußen fast taghell.
Der Anblick der Stadt
hat sich grundlegend verändert.

Während das nächtliches Lichtermeer
als Gegenwicht zur Dunkelheit
etwas geheimnisvolles und
fast schon mystisches hatte,
wirkt der Anblick nun geradezu sachlich
und desillusionierend.

Ich blicke auf Bürotürme und Hochhäuser,
umgeben von unzähligen
zwei- bis dreigeschossigen Wohnhäusern.
Einige avantgardistisch gestaltete Bauwerke
ragen dazwischen heraus,
die den in vielen Bereichen
völlig uneinheitlichen Eindruck verstärken.
In den Außenbereichen befinden sich
die ärmeren und Slum-artigen Viertel.

Die Stadt scheint sich endlos zu ziehen.
Über ihr liegt eine smogartige Nebeldecke,
welche die unwirtliche Atmosphäre verstärkt.


DIE ARCHITEKTUR DER MACHT

Architektur hat immer auch mit
gesellschaftlichen Faktoren zu tun.
In Frankfurt sollen die
gläsernen Hochhäuser der Banken
Größe und Stärke demonstrieren.
Genauso wie in Dubai der Chalifa-Turm
als höchstes Bauwerk der Erde
auf kaum ermesslichen Reichtum
verweist.

Psychologisch betrachtet sind es
zumeist mit dem Schweiß und Blut
unzähliger ArbeiterInnen erbaute
Phallus-Symbole materieller Herrschaft.
Gleichzeitig sind sie Ausdruck
eines Wachstumsdenkens,
das jegliche Verhältnismäßigkeit
verloren hat.

Doch schon in einigen Jahrzehnten
nach den globalen Öko-Kollaps
wird die Wüste nicht nur in Dubai die Trümmer
dieses menschlichen Größenwahns
mit Sand überdecken.

Auch der Hotelplast,
in dem ich gerade diese Zeilen nieder schreibe,
ist Ausdruck einer Architektur der Macht.
Von außen wirkt er eher
wie ein gigantischer,
die Stadt überragender Betonbunker.
Im Inneren entfaltet er ausschweifend
seinen Luxus.


WIDERSPRÜCHE

Während ich in diesem Palast liege,
bin mir meiner eigenen Widersprüchlichkeit
durchaus bewusst.

Der legendäre Ausspruch von Adorno
kommt mir in den Sinn:
'Es gibt kein richtiges Leben
im falschen.'

Eine Beschreibung,
welche die Widersprüchlichkeit des Lebens
in einem ungerechten Gesellschaftssystem
treffend beschreibt.

Selbst wenn man es versucht,
kann man sich den Widersprüchen
kaum entziehen.
Schon der tägliche Einkauf
offenbart im Detail
unter anderem in Bezug
auf Herstellungsbedingungen,
Arbeitsverhältnisse und Umweltbelastungen
derartig tiefgreifende Missstände,
dass man im Grunde verhungern müsste,
um sich nicht mitschuldig zu machen.


ANNÄHERUNGEN

Gleichzeitig darf das Verständnis
von der Unmöglichkeit des richtigen Lebens
unter den bestehenden Bedingungen
nicht zu einem
desinteressierten Fatalismus führen.
Der Leitsatz des
'Es ist doch alles ohnehin egal'
führt nur zu Passivität und
reflexionslosem Handeln.

Entsprechend fügte ich einmal
in einem Artikel hinzu:
'Es gibt kein richtiges Leben
im falschen',
aber es gibt die Möglichkeit und
Notwendigkeit einer Annäherung.

Wie diese Möglichkeiten und Notwendigkeiten
konkret aussehen,
lässt sich nur begrenzt objektiviert sagen,
auch wenn es zweifellos Aspekte gibt,
die Allgemeingültigkeit haben.
Im Einzelfall ergeben sie sich
aus der Wechselbeziehung
von inneren, persönlichen und
äußeren, gesellschaftlichen Faktoren.


DIE WIRKLICHKEIT GESTALTEN

Die Sonne ist aufgegangen.
Wir verlassen das Hotel und
tauchen ein,
in die Vielfalt dieser Stadt.

Visionen entwickeln und entfalten.
Visionen leben.
Die Sterne sind erreichbar...
Oder wie Moon es sagen würde:
'Wir erschaffen unsere Realität selbst'.


- °* -


www.sterneck.net
- * -